Aus Bitterem wächst Süsses – Der Birnbaum in uns

«Halt an, halt an». Ich drücke auf die Bremse – keine Vollbremsung, dafür tuckern wir auf dieser von Bäumen und Gebüschen gesäumten Landstrasse voller Schlaglöcher und ausgewaschenen Unebenheiten ohnehin schon viel zu langsam. Die Bremsung wirbelt trotzdem gehörig Staub auf; es ist trocken und heiss an diesem Julinachmittag. Wir müssen nirgends hin, wir sind nur unterwegs und wollen dabei erfahren: Wir fahren darum gerade so schnell oder eben langsam genug durch Wälder, Gebüsch und über die Hügel und Täler Richtung Bernalda, so dass wir die wilde Schönheit der Macchia entlang der Strasse bewundern und nach Schätzen absuchen können: Brombeeren, Früchte, allerlei Kraut. Wir wollen nicht versäumen, was den Wegrand der sonst Eiligen säumt.

Wilde Schatzkammer der Macchia

Ob Mastix-Strauch («Lentisco»), aus dessen roten Beeren man früher Öl gepresst hat, Wildkarotten, wilde Artischockenformen, Johannisbrotbaum, Eukalyptus, Eiche, Myrte oder jener seltsame meeresblaue Strauch, den man zum Salzen («saltuscene» im Dialekt) gebraucht hatte: Es ist ein besonderer Reichtum auf diesen lehmigen und kalkigen Böden – ein bescheidener Reichtum, möchte man sagen, denn er drängt sich nicht auf, aber er ist immer da für diejenigen, die ihn noch zu suchen wissen.

Meine Freundin hat einen wildwachsenden Birnbaum entdeckt; tatsächlich: Aus dem Gebüsch am Bord guckt ein bescheidenes, aber doch kräftig wirkendes Bäumchen, das uns seine Gaben an knorrigen Armen entgegenstreckt, hervor. Ich bin kurz von Wildspargelpflanzen und einer Kolonie Bergminzen («nepetella») zu seinen Füssen abgelenkt, während sie sich bereits auf die Zehenspitzen stellt und nach den untersten Früchten angelt. Wie immer: Es gibt auch hier nichts unverdient. Für die weiter oben hängenden Exemplare dieser kleinen, gelbroten Exemplare muss ich mir einiges an artistischen Manövern einfallen lassen.

«Wie geduldig so ein Gewächs doch ist», durchfährt es mich. Der Baum wirkt alt. Meine Freundin scheint meine Gedanken zu lesen und freut sich darüber. Sie springt von der Böschung herunter auf die Strasse und wir lassen uns beide vom Geschmack der Beute nach den ersten Bissen überraschen. In diesen Momenten, wieder mit festem Grund unter den Füssen, der erfrischenden Süsse auf der Zunge und mit dem Blick auf den Baum gerichtet, der sich darüber zu freuen scheint, dass wir ihn und seine Gaben wahrgenommen haben, gehen einem – «Heiliger Birnbaum!» – auch wörtlich «geerdete» Gedanken durch den Kopf.

Geerdet

Ich erinnere mich, wie mein Vater von den langen Fussmärschen unter der brütenden Sonne erzählte, die er mit seiner Mutter zur Arbeit auf dem Feld oder zum Markt in Matera unternehmen musste; wie solche Bäume die ausgetrocknete Zunge erfrischten, Herz und Seele labten. Solche Pausen vergisst man ein Leben lang nicht. Birnbäume spielen im Volksglauben an vielen Orten eine wichtige Rolle; durchaus vorstellbar, dass solche Bäume (und der Ort) gerade wegen ihrer Widerstandsfähigkeit einst als magisch oder gar heilig galten. Das Geistige hat auch hier über die Zeiten hinweg eine körperliche Realität, und wie immer spiegelt man sich auch als Mensch ein bisschen in der Natur: Habe ich schon über die Bitterkeit dieser lukanischen Erde nachgedacht, so meine ich jetzt zu spüren, worüber ich geschrieben habe, jene «viszerale» Beziehung zum Boden, der einen nährt, eine Beziehung, die durch Mark und Bein, oder eben: durch den Magen und die Gedärme (le viscere), geht. Aus dem Bitteren kann Süsses erwachsen; aus den Gegensätzen ergibt sich die Fülle des Lebens.

Das Bewusstsein darüber, dass und wie das Leben begrenzt ist, schärft den Verstand und richtet den Blick auf das Wesentliche. Und nirgends sonst wie hier, wo ständig die Erde bebte, Hänge rutschten, Hunger, Seuchen, soziales, feudalistisches Ungemach und andere Teufeleien herrschten, konnte man das im sonst auf Fortschritt ausgerichteten Europa bis vor kurzem noch hautnah erfahren. Jenseits von entwurzelndem Konsum- und Gewinnstreben, abgehobenen und fernen Dingen, die einen bei genauer Betrachtung nur beschäftigen, aber nicht betreffen: Es geht um die ganz wahren Kämpfe im Leben, um die ganz ursprünglichen Dinge des Menschseins – auch in der Basilicata trinkt man Primitivo, aber das Primitive ist nicht das Rückständige in diesem Sinn, für das es immer gehalten wurde, dieses Urteil aus einer anderen Welt, sondern das, was am Anfang aller Dinge steht.

Das Primitive und das Echte

Auch dafür steht Lukanien. Christus hat mir auf unserer Reise einen Zettel zugesteckt, der davon berichtet, es ist ein Zitat Carlo Levis:

«Lukanien [das ist die Basilicata] scheint mir, mehr als jeder andere, ein wahrhafter Ort, einer der echtesten der Welt […]. Hier finde ich das Mass der Dinge wieder […], die Kämpfe und Kontraste sind hier ganz reale Dinge[…]. Das fehlende Brot ist ein echtes Brot, das fehlende Haus ist ein echtes Haus, der Schmerz, den niemand versteht, ein echter Schmerz. Die innere Spannung dieser Welt ist der Grund für ihre Wahrheit: In ihr vereinen sich Geschichte und Mythologie, Aktualität und Ewigkeit.»[1]

Als Beobachter auf der Suche nach den Anderen hat der Schriftsteller Carlo Levi hier das ganz Andere mit seiner eigenen Poesie und Besonderheit und dabei sich selbst gefunden. Mir gefällt das Zitat, das in seiner Biografie erwähnt wird und es auf den Punkt bringt, wie tief, viszeral eben, die Erfahrung seines Exils im faschistischen Italien – in diesem aufrüttelnd anderen Nicht-Italien namens Lukanien – war.

Wir haben uns in den Schatten des Baumes gesetzt und ich machte mich an die zweite Birne. Aus dem Bitteren können klar auch Verbitterung, Resignation oder Opposition und andere, insbesondere soziale Gifte wie Misstrauen und Egoismus, Neid, Missgunst und Korruption erwachsen. Aber der Birnbaum ist kein Brigant, er ist ein Lebenskünstler. Aus Bitterem kann eben auch Süsses entstehen – wie muss sich dieser Baum doch behaupten können – er arrangiert sich sozusagen und bringt in diesem Ringen Wunderbares hervor. Wie so mancher Lukaner, manche Lukanerin. Auch dieses Gebiet hat viele Künstlerinnen und Künstler hervorgebracht.

Die Kunst, sich zu arrangieren

«L’arte di arrangiarsi», die Kunst des sich Arrangierens, diese Wendung habe ich von einem Bahnmitarbeiter aufgeschnappt, mit dem ich auf der langen Zugreise in den Süden über die Sorgen und Nöte Italiens und seiner Menschen gesprochen habe.

Für ihn steht der Begriff als Folge dessen, dass im Süden halt nichts funktioniere. Etwas weiter gedacht bezeichnet er aber doch die kreative Fertigkeit der Lebensgestaltung der Italienerinnen und Italiener, eben besonders im Süden, angesichts der vielen Unzulänglichkeiten des Alltags, der Verwerfungen in der Gesellschaft und der unbeständigen Natur. Der Begriff hat etwas für sich, er schwingt zwar zwischen Spott und Bewunderung. Aber er bringt mich auch in eine Beziehung zum Birnbaum, der hier überlebt und uns Schatten spendet. Er lebt nicht nur, er erschafft.

Aus dem Bitteren wächst Süsses. Kreativität und aus ihr Kunst, so meint man zu fühlen, erwachsen nicht in den abgehobenen Sphären des Konsum- und Gewinnstrebens, sondern aus der Spannung, aus den Kontrasten, aus dem Kampf zwischen Realität und Imagination, da, wo man von Natur aus gelernt hat, sich arrangieren zu müssen. So habe ich es von Michele, dem Vater meiner Freundin gelernt. Er, nicht nur Bauer und Sohn dieser harten Erde sowie vom Leben geprüft, er ist eben auch Kunstmaler und Bildhauer. In jedem von uns steckt eine Natur, die sich auszudrücken versucht. Böses wie Gutes, Bitteres wie Süsses. Lukanien schlummert in jedem von uns. Sind wir bereit, uns diesem zu stellen? – Erdet irgendwie, darüber nachzudenken.

Geprüfte Echtheit

Wie viel von dem nach ihm Wahren, was Carlo Levi in der Basilicata beobachtet und beschrieben hat, das müssen die Besucherinnen und Besucher, insbesondere aber die Lukanerinnen und Lukaner selbst beantworten. Die Suche nach dem eigenen Sein beginnt von neuem, die Moderne ist nun auch hier angekommen. Es ist zweifellos eine besondere Herausforderung, in dieser Spannung zwischen Bewahrung der Tradition als Erzählmoment eines besonderen Territoriums und dem Anschluss an die Welt des Fortschritts mit seinen Entwurzlungen ein allen gerecht werdendes Gleichgewicht zu finden. Ob Tourismus oder Slow Food, die Basilicata ist prädestiniert dafür, uns an unsere je eigenen Wurzeln des (eigenen) Menschseins in dieser beschleunigten Welt zu erinnern. Die Basilicata mit ihren abgewanderten, von Boden(arbeit) entwurzelten Lukanerinnen und Lukanern, droht erneut «kolonisiert» zu werden: Nach den Erobern und fremden Herrschern folgen der noch abgehobenere «Herr» des schnellen Wachstums mit seinen Verlockungen und nach den Grossgrundbesitzern die Bodenschatzjäger.

Lukanien steckt in jedem von uns. Kauend wird mir bewusst, wie Recht Carlo Levi haben mochte. Wir brauchen eine wahrhafte Erde, die uns daran erinnert, worin das ursprüngliche Mass der Dinge besteht. Als Entwurzelte leben wir die Geschichte anderer, aus unser eigenen wird Folklore. Als Arrangierte mit künstlich geweckten Bedürfnissen und Problemen, die jeglicher menschlicher Wahrhaftigkeit entbehren, verlieren wir unsere Kreativität und Fertigkeit, uns zu arrangieren und selbst Früchte und Süsses zu zeigen. Das Leben ist eine Kunst: Hören wir auf jene vitale Kraft, die in uns schlummert, die bereit ist, zu gestalten?[2] Dankbar sehe ich, der widerständige Birnbaum hat wirklich etwas Magisches an sich.

 

carciofi-pomarico
Wildwachsende Artischocken vor einem kleinen See im Umland von Pomarico (Juli 2017)

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

[1] «La Lucania mi pare più di ogni altro, un luogo vero, uno dei luoghi più veri del mondo […]. Qui ritrovo la misura delle cose […], le lotte e i contrasti qui sono cose vere […], il pane che manca è un vero pane, la casa che manca è una vera casa, il dolore che nessuno intende un vero dolore. La tensione interna di questo mondo è la ragione della sua verità: in esso storia e mitologia, attualità e eternità sono coincidenti.» – Aus der Biografie De Donato/D’Amaro, Un torinese del Sud, S. 162 f., zit. nach einem Text vom November 1962; Interpunktion leicht angepasst.

[2] Dieser Gedanke nach Levi, siehe Biografie, S. 162.

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