Die Tarantella – Tanz mit Leidenschaft und gutem Gewissen

Ein ausgestossener Ton, den man nicht verschriftlichen kann, dafür umso amüsanter das Bild: Ich erinnere mich, wie meine Mutter – wie von der Tarantel gestochen – bei einem Waldspaziergang in der Nähe von Pomarico einen erstaunlich sportlichen Satz machte, vom einen zum anderen Wegesrand, mit den Armen fuchtelnd. – Eine Schlange!

Prolog

Ich habe zwar zusammen mit meiner Freundin im Naturschutzreservat des künstlichen Sees Diga di San Giugliano eine kurze Instruktion erhalten, wie man giftige von ungiftigen Schlangen anhand einiger Merkmale unterscheiden kann. Aber das schien meine Mutter in diesem Moment nicht zu beruhigen.

Wir anderen haben die Schlange nicht gesehen, die Tiere sind oft so schnell weg, wie sie auftauchen. Man muss fest auf den Boden treten, wenn man sich in Gefahrenzonen bewegt. Die Furcht, vor diesen Reptilien gehört wie diejenige vor Spinnen zu den ältesten Ängsten der Menschheit und kaschiert sich manchmal auch nur in Ekel. Auch Ekel ist ein Warngefühl. Aber unvermittelt denke ich daran, dass solche Gefühle auch eine eigene Geschichte und einen kulturellen Bezug haben. Wie oft sehe ich eine Schlange oder eine Wolfsspinne in meinem Büroalltag? Und wie hatte man sich hier erst recht früher, ganz besonders in sozusagen «vorwissenschaftlicher Zeit», verhalten: Als das Sammeln von Kräutern, Gemüse, Spargeln, das Arbeiten auf dem heissen Boden der Felder schlicht tägliche Notwendigkeit war, da konnte man sich nicht von möglichen Bedrohungen lähmen lassen. – Man lebt mit ihnen. Gutes und Böses bevölkert eben gleichermassen die Erde; sollte aber mal ein Unglück geschehen, dann finden sich auch dafür Erklärungen und damit ein Antidot, ein Gegengift.

Land der Gifte – und Gegengifte

Darum war es immer wichtig zu wissen, was im Nachhinein zu tun war. Dass man wusste, wie man die Zeichen zu lesen hatte: Was hat da zugebissen? Wenn es nicht die Schlange war, konnte es auch etwas anderes gewesen sein, das einem das Übel in die Glieder fahren liess. Und dieses Tier ist genauso unvorhersehbar, krabbelt aber auf acht Beinen über die Erde: die Tarantel.

Eine Spinne, die hier häufig vorkommt. Unsere Gegend schmiegt sich an den weiten Golf von Taranto. Und wer diesen Namen hört, denkt hoffentlich nicht nur an die verheerenden Umweltverschmutzungen, welche die hiesige Industrie verursacht, sondern an die antike und stolze, einst von Spartanern gegründete Stadt der beiden Meere. Worum es hier geht, ist die Lycosa tarantula, die Tarantel, die vermutlich ihren Namen von eben diesem Taranto hat. Und diese Spinne hat den Menschen Beine gemacht.

Es ist die Tarantel, die in der brütend heissen Jahreszeit überall lauert, besonders in den Junimonaten, wenn geerntet wird. Und diese sticht nicht, wie uns die deutsche Redensart vorgibt, sie beisst. Da ist sie wieder: die «amara terra», die bittere Erde[1]: Das alte Land im Herz Süditalien ist ein Land der Gifte – aber auch der Gegengifte. Und hier hat der berühmteste Tanz des Südens einen seiner Ursprünge: die «kleine Spinne», die Tarantella. – Musik und Tanz zu allen möglichen Gelegenheiten, aber auch Medizin: als Tanztherapie gegen das Gift der Spinne. Von diesem als Tarantismus bezeichneten Phänomen spricht heute kaum jemand mehr. Offiziell hat der Kult ausgetanzt.

Tarantel – Tarantella, Tarantelle!

Wer heute an die Tarantella denkt, dem kommt vermutlich vor der Basilicata zunächst Apulien, insbesondere sein Salento, in den Sinn, das stolze Napoli oder Sizilien. Man müsste eigentlich von Tarantellen, also in Mehrzahl, sprechen, denn hinter diesem Namen versteckt sich eine ganze Familie von Tänzen, die in sehr schnellen Takten gespielt und getanzt werden. Das Umwerben stolzer Frauen, die Annäherung und das Spiel der Geschlechter in einem erlaubten Rahmen, wo keine Berührungen stattfinden, ein Fechttanz unter eifersüchtigen Männern, an Figuren ist alles zu finden. Häufig ist es auch schlicht die Freude, eine festliche Gelegenheit, die Pause vom Alltag, verschiedenste denkbare Anlässe, wo man einzeln, als Paar, in Gruppen und Formationen (in der Basilicata etwa als «Quadriglia») zu schnellen, wilden Rhythmen tanzt. Immer wieder bin ich beeindruckt davon, wie das Kollektive Gedächtnis dieser agropastoralen Gesellschaften, ohne Schule und Noten, diese und andere musikalischen Traditionen laufend hervorgebracht haben, bewahren und vor allem immer weiterlehren und -lernen konnte. Vom Kunsthandwerk, das die Instrumente hervorbrachte, ganz zu schweigen. Folklore ist ein spannendes Resultat der Geschichte und war nicht schon immer da: Es sind vielmehr zahlreiche Überlagerungen von «oben» und von «unten», bäuerlich-ländliche Kultur, die sich mit den Traditionen der herrschenden Klassen mischen, womit und laufend Neues entsteht. Mit der Veränderung der Gesellschaft, dem weitgehend weggebrochenen agropastoralen Substrat etwa, sind es heute andere, die das Erbe weiterpflegen und es auch in moderne Musik integrieren.

Die Tarantella ist zu einem Emblem süditalienischer Identität geworden, auch dank einem Gang durch die Opernhäuser und über Festivalbühnen, weit verbreitet. Dennoch haben sich verschiedene lokale Traditionen erhalten können oder sie wurden wiederentdeckt und bewusst weiterentwickelt. Die Familie der Pizzica Apuliens, im Salento, gehört zu den berühmtesten Tarantellen. Aber auch in der Basilicata haben sich eigene Formen dieses antiken Tanzes erhalten. Es gibt sie also, die Tarantella Lucana, wovon auch moderne Musikgruppen wie die Tarantolati di Tricarico und andere Bands, aber auch Vereine und Gruppen anlässlich von Festivals und weiteren Gelegenheiten zeugen.

Mystische Vergangenheit eines Tanzes

Spannend, und darum lauere ich hier der Spinne auf, ist jener Teil der Geschichte, den die lukanische Tarantella mit den Tänzen in der Nachbarschaft gemeinsam hat. Es geht um das angesprochene Phänomen des Tarantismus – eine Erscheinung, die mehr Ursprünge und Ursachen hat als die Spinne Beine: der Volksglaube, wonach der Biss einer Spinne bestimmte Krankheiten auslöst, die nur durch intensiven Tanz zu wilder Musik kuriert werden können. Die bereits angedeutete Musiktherapie.

Und man ahnt es: Irgendwie scheinen sich bei diesem Phänomen Ursache und Wirkung, Krankheit und Medizin zu vermischen, denn die Geschichte dieses Tanzphänomens beginnt irgendwo am Sonnenaufgang der Geschichte – man denkt an Dionysos, die orgiastischen Tänze und Feste der Griechen. Taranto wird etwas zu erzählen haben. Wer sich in Trance begibt, begegnet dem Spirituellen – denken wir an die Derwische Kleinasiens. Und dann kommt plötzlich ebenfalls aus Kleinasien ein Apostel daher … Christus horcht auf.

Warum taucht im Mittelalter plötzlich der Heilige Paulus als Beschützer der Gebissenen, den Tarantolati, auf? Christus erzählt mir von der Geschichte, wonach der Apostel unterwegs nach Rom als Gefangener mit der Schiffsmannschaft nach einer Odyssee über das Mittelmeer auf einer Insel gestrandet und herzlichst empfangen worden ist. Als er Reiser ins Feuer warf, fuhr ihm eine Schlange in die Hand. Die Inselbewohner starrten ihn und die an ihm hängende Schlange an und – siehe da: Sie verdächtigen ihn, ein Verbrechen begangen zu haben; die Götter rächen sich, der Mann soll sterben und man hat ihn ungerechtfertigterweise dem Meerestod entrissen. Aber Paulus schüttelt die Schlange ab und die Leute warten vergebens: Das Gift tat keine Wirkung. War er nun ein Gott?[2]

Tarantel – Tarantismus!

tarantella-kircher
Die Beschreibung des deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher von 1641: Die Tarantella als Gegengift (antidotum tarantulae)

Süditalien tanzte seit der Antike über Jahrhunderte den Tanz der Spinne. Jeden Sommer wieder. Musiker treiben die von der Spinne Gepeinigten mit schnellen Rhythmen an, Stunden, Tage – bis zur vollen Erschöpfung. Die Bewegungen sind grotesk, bisweilen gleicht das Gebaren tatsächlich einer Spinne. Werde zum Tier, um es zu besiegen. Ein Totemtanz? Der Heilige Paulus war dabei und jener war geschockt, denn die Zeremonien, die jährlich in der Kathedrale zu Galatina, wohin die Erkrankten pilgerten, arteten regelmässig aus, es wurde ihm zu bunt und zu obszön.

Alles weit entfernt, irgendwo im Mittelalter? Mitnichten – dass dies noch zur Zeit der Kindheit meines Vaters gang und gäbe war, zeigen zahlreiche Dokumentationen von Forschungsexpeditionen. Darum interessiert es mich – es gehört zur Lebenswelt der Generation meines Vaters. In Scharen reisten Forschende verschiedenster Disziplinen, Anthropologen, Ethnologen, Historiker, Linguisten, Musikwissenschaftler und andere in Gebiete, wo heute Touristen tanzen. In Europa konnte man solche Phänomene kaum mehr studieren, die Tanzwut galt als eine Erscheinung des Mittelalters und verschiedene Krankheiten, die damit in Verbindung gebracht worden waren, sind unterdessen erklärbar geworden. Schauerlich, wenn man daran denkt, wie noch vor 500 Jahren Menschen in Massen durch die Städte wie im Wahn zu tanzen schienen (auch in der Schweiz, in Strassbourg 1518), bis ihnen der Heilige Veit, bisweilen Johannes, den Boden unter den Füssen weggezogen und Einhalt geboten hat.

Expeditionen auf den Spuren eines Phänomens

Ganz anders Süditalien, Apulien und die Basilicata, in ihrer Abgeschiedenheit. Wenn ich mir den Kontrast vorstelle: Heute boomt der Tourismus, Strände locken, selbst die Basilicata wird als die «Toskana des Südens» gefeiert. Und vor gut 60 Jahren? Da waren es besagte Forschende, die sich in den Süden aufmachten. Sie unternahmen in die Gegend meines Vaters «Expeditionen» – der Begriff spricht für sich.

Hier, wo ständig die Furcht lauert, die Furcht vor Eifersucht, dem Bösen Blick, Schadenzauber, so vertrauten magischen Kräften. Hier blühte bis vor nicht langer Zeit jenes seltsame Phänomen des Tarantismus. Wer die Schwarz-Weiss-Dokumentarfilme ansieht, kommt leicht auf die Idee, da Ganze als eine exorzistische Zeremonie im Hauskreis zu betrachten. Was es wohl auch war, weshalb die Kirche bestimmt viel darauf gab, ihr Monopol an Heilsangebot durchzusetzen.

Das Herz Süditaliens hat mit seinen Nachbarn vieles gemeinsam. Der Tarantismus gehört auch zur Geschichte der Basilicata, insbesondere im Gebiet um Matera. Die Orecchiette sind nicht nur Apulien eigen. Die Seele des Südens wird nicht nur über den Magen, sondern auch übers Ohr vermittelt: Wer ein Volk und das Land, auf dem er sich bewegt, verstehen lernen will, hört auch auf seine Rhythmen.

Um einen Eindruck des Salento der Nachkriegszeit zu erhalten und vor allem etwas über den Tarantismus der 1950er-Jahre zu erfahren, dem empfehle ich den kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel «La Taranta» aus dem Jahr 1961 von Gianfranco Mingozzi. Er hat Ernesto De Martino, den italienischen Volkskundler der Nachkriegszeit, mit seiner Equipe 1959 auf einer Forschungsexpedition zum Tarantismus begleitet.[3] Der einleitende Kommentar basiert auf einem Gedicht des Nobelpreisträgers Salvatore Quasimodo (1901–1968) und ist von unglaublich poetischer Dichte. Ein Text, der den Betrachter behutsam an das Thema heranführt:

Questa è la terra di Puglia

e del Salento,

spaccata dal sole e dalla solitudine,

dove l‘ uomo cammina sui lentischi

e sulla creta.

 

Scricchiola e si corrode ogni pietra da secoli.

Anche le pietre squadrate,

tirate su dall’uomo, le case grezze,

le chiese

destinate alla misura del dolore e della speranza, seccano e cadono nel silenzio.

 

Avara è l’acqua a scendere anche dal cielo,

gli animali battono con gli zoccoli un tempo che ha

invisibili mutamenti.

 

 

I colori sono bianchi, neri, ruggine.

 

E‘ terra di veleni animali e vegetali:

qui esce nella calura

il ragno della follia e dell‘ assenza,

si insinua nel sangue di corpi delicati

che conoscono soltanto il lavoro arido della terra,

distruttore della minima pace del giorno.

 

Qui cresce

tra le spighe di grano e le foglie del tabacco

la superstizione, il terrore,

l’ansia di una stregoneria possibile, domestica.

 

I geni pagani della casa sembrano

resistere ad una profonda metamorfosi

tentata da una civiltà durante millenni.

 

 

L’estate, la stagione pesante dei greci,

scivola come polvere, acceca l’acqua dei pozzi.

La luce pienissima stride gli occhi.

La noia penetra nell’interno dell’uomo,

matura verso l’irrazionale i suoi sentimenti e forma gli

istinti.

I tarantati dicono

di sentire la noia

all’inizio del male:

male che viene curato con le cadenze

di una musica

fortememte ritmata e continua

e con la danza della

piccola taranta:

la tarantella.

Das ist die Erde Apuliens

und des Salento,

zerschlagen von der Sonne und der Abgeschiedenheit,

wo der Mensch über Mastixsträucher und auf

lehmigen Böden wandelt.

 

Seit Jahrhunderten knirscht und bröckelt jeder Stein.

Auch jene von Menschen behauenen, von Menschen

hochgehievten, die rohen Häuser,

die Kirchen, die dem Mass, das Schmerz und Hoffnung

vorgeben, geweiht sind,

vertrocknen und fallen in der Stille darnieder.

 

Auch das Wasser geizt,

wenn es darum geht, vom Himmel zu fallen,

die Tiere zählen mit ihren Hufen stampfend die Zeit,

die sich kaum wahrnehmbar verändert.

 

Die Farben sind weiss, Schwarztöne, Rost.

 

Es ist ein Land der Gifte, tierischer und pflanzlicher:

Hier lauert in der drückenden Hitze

die Spinne des Wahnsinns und der Apathie,

sie schleicht sich ins Blut zarter Körper,

die nur die trockene Landarbeit kennen,

welche den kleinsten Frieden des Tages zerstört.

 

Hier wächst

zwischen den Getreideähren und den Tabakblättern

der Aberglaube, der Schrecken,

die Furcht vor lauerndem und vertrautem

Schadenzauber.

All die heidnischen Hausgeister scheinen

tiefgreifendem Wandel zu widerstehen,

gleichwohl seit Jahrtausenden von der Zivilisation

versucht.

 

Der Sommer, die drückende Jahreszeit der Griechen,

gleitet wie Staub, blendet das Wasser der Brunnen.

Das gleissende Licht beisst in den Augen.

Überdruss durchdringt das Innere des Menschen,

lässt seine Gefühle zur Unvernunft gären

und formt die Triebe.

Diejenigen, die von der Tarantel gebissen werden,

berichten, dass sie diesen Überdruss

mit Einsetzen des Übels spüren:

jenes Übel, das zu heilen ist mit den Takten

einer Musik,

mit wildem und beharrlichem Rhythmus,

und mit dem Tanz

einer kleinen Spinne:

mit der Tarantella.

 

 

Die Zeilen Quasimodos haben den den Boden für ein besseres Verständnis dessen bereitet, was man im Anschluss an die zur Illustration gezeigten Bilder eines unglaublich ärmlichen und zerfallenden Italiens gleich sehen wird. Wir werden Zeuge einer häuslichen Tarantismus-Zeremonie.

Das Mitwissen

Die alte Frau schaut mit starrem Blick in den Raum, während sich hinter ihr der Vorhang zu bewegen beginnt. Sie wird während der ganzen Szene kaum etwas tun oder sagen. Aber ich habe immer wieder auf sie geachtet: Bestimmt weiss sie insgeheim viel über das, was man hier als «Krankheit» bezeichnet. Wie eine verschwiegene Komplizin und Leidensgenossin mit dem Blick einer Person, die einem Initiationsritus beiwohnt. Und ich erinnere mich daran, dass ich mich oft in jüngeren Jahren beim Versuch ertappt habe, die Gedanken hinter den müden Gesichtern der alten Frauen in ihren schwarzen Gewändern vor den Fassaden der weissen Häuser zu lesen (erstaunlicherweise trägt diese Frau hier ein doch recht fröhliches Gewand). Wie sie in jungen Jahren wohl waren, was ging in ihnen wirklich vor in jenem Leben der frühen Heiraten, der täglichen Besorgungen, gebückt unter der heissen Sonne und unter den noch drückenderen sozialen, familiären, patriarchalen Erwartungen? Meine Grossmutter war immer besorgt, dass ich mich noch rechtzeitig in den Ehestand begeben solle und meinte einst mit ernstem Ton, ich solle doch bei der Nachbarin klopfen und das mit ihr tun, was junge Leute gerne tun. Meine Überraschung schien mir ins Gesicht gezeichnet.

Gebissen oder nicht …

Zurück zum Film: Wir befinden uns noch im Jahr 1961; vermutlich irgendwo um Nardò oder Galatina auf der apulischen Halbinsel. Die Musiker legen sich nach den tragenden Worten Quasimodos ins Zeug: Der Violinist ist in seinem «zivilen Leben» Coiffeur, der Herr mit dem Tamburin Bauer, der Spieler mit der Ziehharmonika beerdigt die Toten. Man hat die drei zu einer besonderen Aufgabe gerufen: Die junge Frau im Haus ist krank. Offenbar wurde sie von einer Tarantel gebissen. Wie sich das geäussert hat, wird nicht gesagt. Vermutlich hatte sie Fieber, war apathisch oder im Delirium. Der Spinne werden alle möglichen Krankheiten nachgesagt, da ist auch von Depression, Hysterie und anderen psychischen Erkrankungen die Rede. Ihr Biss ist schmerzlich, aber nicht tödlich. Mit gewissen Krankheitssymptomen wird heute auch eher die Schwarze Witwe als die Tarantel in Verbindung gebracht. Das spielt aber auch keine Rolle, denn oft wusste niemand ausser der kranken Person, ob sie überhaupt von einer Spinne gebissen worden ist. De Martino hat das gemerkt und bewusst sein Buch über den Tarantismus «Terra del rimorso» betitelt. Ri-morso bedeutet Wieder-Gebissen, die Spinne lässt einen nicht mehr los. Es aber auch das Wort für Gewissen, und dieses beisst bekanntlich auch. Doch davon später mehr.

Das Spektakel einer Tanztherapie

Der Ministrant eilt aus der Katherale. Vor dem etwas heruntergekommenen Haus drängen sich die Leute und verfolgen das nun folgende Schauspiel durch das Fenster. Sie sehen, wie die alte Frau auf ihrem Stuhl sitzend den sich bewegenden Vorhang auf die Seite zieht und die Kranke sich auf dem Rücken, mit dem Becken zuckend rückwärts in den Raum schiebt. Sie umklammert mit ihren Händen ein Lacken – ihr Schwitztuch? Sie dreht sich immer leicht zuckend um ihre Achse. Die alte Frau blickt sie an, nun mit einem leicht ungeduldigen Blick, lüftet den Vorhang ganz, die junge Frau windet sich vorwärts wie eine Schlange, mit dem Gesicht nach unten, nun ganz aus dem Schlafzimmer vor die Musiker. Die Musik hat sie aufgeweckt, treibt sie an, fröhlich, nervös, lebendig. Die Frau bewegt sich langsam, wirft sich auf dem Boden umher, zuckt immer wieder mit Becken, rollt herum, scheint zu kämpfen, sie folgt dem Rhythmus der mitreissenden Musik, die Violine feilt an ihren Nerven, sie klopft den Takt mit den Händen und Füssen. Immer wieder rollt sie herum, klammert sich an Stuhlfüssen. Die Musiker geben alles, einer beginnt zu singen, sie bleiben nicht still sitzen, sondern treiben die am Boden mit der Spinne ringenden Frau regelrecht an, fideln über ihrem Kopf, trommeln ihr den Takt. Es dauert eine ganze Weile, aber dann gibt es kein Halten mehr, die Frau richtet sich auf und rennt im Raum herum, sie tanzt.

Paulus wacht

Ein Knabe sitzt auf einem Schemel – mir kommt diese Art Stuhl sehr vertraut vor – und hält ein Bildnis des Heiligen Paulus auf dem Schoss. Auch ihn hat man gerufen. Die Frau wird seiner gewahr und kniet vor das Kind. Sie scheint mit dem Heiligen zu streiten, zu verhandeln. «Wirst Du mich heilen, wirst Du mir Gnade erweisen?» wird sie vermutlich sagen; ich verstehe den Dialekt nicht, aber die Gestik lässt es erahnen. Überraschend, was dann folgt: Der Heilige antwortet nicht, sie gerät in Rage, beschimpft und ohrfeigt das Bild – sie tanzt in wildem hypnotischer Theatralik weiter. Und das scheint ein Wesen dieses Tanzes zu sein: Die süditalienische Dramatik überhöht das Gefühlte, die Krankheit, das Ausschwitzen des Fremdkörpers wird gelebt, Symptom und Kur verschmelzen zu einem. Was im Film nicht deutlich ersichtlich ist: Die Frau zerreisst auf Knien etwas Bedrucktes. Ist es das Bildnis des Paulus?

Die Frau scheint sich in einem hypnotischen Zustand zu befinden. Die Musiker fragen sich wohl, wann wird die Gute geheilt sein? Sie blicken einander an. Solche Zeremonien können Stunden, Tage dauern, man beginnt einfach immer wieder von vorne. Oft sind auch Gegenstände im Spiel, mit denen man die tanzende Person konfrontiert, als ob man das Tier reizen wollte. Sie ziehen sich an Seilen hoch und weiteres mehr, doch ist das im Film bis auf das Zerreissen eines Papiers nicht zu erkennen. Ist der Anfall vorbei, die Person wieder bei Sinnen, stampfen die Gepeinigten die Spinne symbolisch zu Tode.

Aber damit ist die Krankheit noch nicht überstanden, nicht selten bricht die Krankheit immer wieder aus. Die einen reden vom «Jahrestag» an anderer Stelle lese ich, dass es ausreicht, wenn die Infizierten irgendwo die Musik hören, um einen erneuten Ausbruch zu erleben. Oder es ist der Tag des Paulus (29. Juni), an welchem Geheilte zum Dank zur Kathedrale nach Galatina pilgern, Kranke hingetragen und hingelegt werden; auch hier groteske Szenen von Frauen, die im Kirchenraum, in welchem Tarantella schallt, herumrennen, schreien, sich auf dem Boden winden, wild tanzen, sogar auf Altäre klettern. Auch das ist im Film zu sehen. Der Kirche wurde es zu bunt; man liest von Ausbrüchen mit eindeutig sexueller Konnotation, Frauen, die auf den Altar urinieren und dergleichen mehr. Das alles sind Bilder des Tarantismus – Krankheit und Heilung zugleich – und bis vor nicht weit entfernter Zeit, bevor die Touristen das Land entdeckt haben, Teil der hiesigen Realität. Auch in der Basilicata.

Soweit zum Film aus einer Zeit, als der italienische Neorealismus auf der Leinwand blühte. Die Spinne hat sich nach Jahrhunderten seit einer Generation zurückgezogen, das Thema zieht aber merkwürdig in den Bann. Es erinnert auch etwas an die alten Besessenheitskulte, die es in der Basilicata unterdessen nicht mehr zu geben scheint. Christus hat ja bekanntlich viele Besessene geheilt. Auch in der Basilicata ist die sogenannte Moderne eingezogen. Umgekehrt – da bin ich aber kein Experte, sondern stütze mich wie alle auf Halbwissen und Medien – ist es ja gerade wiederum die katholische Kirche, die Exorzismen anbietet. Wie sehr dies in Süditalien praktiziert wird, weiss ich nicht.

Geschichtlichkeit von Krankheit

Wer weiss, was sich hinter diesem Begriff der Besessenheit aber wohl alles verbergen mag? Krankheiten beziehungsweise die Vorstellungen, was als normal und gesund gilt, sind kulturellem Wandel unterworfen, auch Zustände und ihre Beschreibung haben eine Geschichte.

Das kommt mir in den Sinn, wenn ich den raffinierten Titel des Buches von De Martino in mir arbeiten lasse: Rimorso – das Gewissen. Daher weht der Wind vermutlich, ohne dass ich auf diesem Gebiet Experte bin und ohne mich in die massenhaft vorhandene Literatur zum Tarantismus eingelesen zu haben. Dreht Paulus den Stachel um und macht die Gepeinigten zu Sündern?

Erstens: Die Ursprünge der Tarantella beginnen irgendwo im Dunkel der Zeiten. Seit der Antike wird der Tanz mit verschiedenen mythologischen Figuren in Verbindung gebracht. Allen voran ist an Dionysos, den zwielichtigen Gott der Ausschweifungen, zu denken, den römischen Bacchus. Rausch, Extase oder auch Trance-Zustände, wie etwa die tanzenden Derwische in Kleinasien, die zur Annäherung an spirituelle Zustände führten – wer weiss. Gut möglich, dass es aber neben der Extase auch das medizinische Element trotzdem gab: ein altes Wissen, dass man durch Ausschwitzen tatsächlich Gifte loswerden kann. Zweitens: Wenn die Kirche den auf dieser Erde angetroffenen Tarantismus, der damit auf die Griechen, wenn nicht noch weiter zurückgeht, den Bauern schon nicht austreiben konnte, kann es sein, dass sie ihn umdeutete? Finden hier Verschmelzungen von christlichen Deutungen und antikem Gedankengut in einem Kult, wie das auch andernorts immer wieder geschah, wo ein Heiliger oder eine Heilige alten Riten und Traditionen beigefügt wurden? Damit wird für mich aus dem Biss ein Gewissensbiss: Paulus macht den Menschen weis, dass es eben Gründe gibt, warum sie gebissen werden – immer wieder, bis sie Busse getan und Gnade erfahren haben. Rimorso – der Gewissensbiss.

Was wirklich beisst

Seit dem Mittelalter spricht man davon, dass der Tarantelbiss verschiedene psychische Probleme auslösen solle. Leonardo da Vinci meinte, dass der Gebissene im Gefühlszustand verharrt, in dem er sich zum Zeitpunkt des Angriffs gerade befand. War er voller Sorgen, wird er melancholisch; dachte er an Sinnliches, wird er zu laszivem Verhalten neigen. Denke ich an Quasimodos Gedicht, kommt auch hier etwas davon durch: Bevor das Übel in die zarten Körper fährt, spüren sie den Überdruss ganz besonders stark. Ich ahne das Drücken von Sonne und Überdruss: Oppression führt zu Depression und die Spinne ermöglicht den Ausbruch.

«Wohin hat dich die kleine Spinne gebissen? – Unter des Röckleins Saum.» Eindeutig andeutender kann diese Verszeile in den Liedern, die seit dem Mittelalter in verschiedenen alten süditalienischen Dialekten belegt ist, kaum sein.[4]

Liebeskummer, unterdrückte Sexualität, unglückliche Liebe, unglückliche Heirat, patriarchale Unterdrückung, Missbrauch, Überdruss des eintönigen Lebens – wer mag einer Seele den Ausbruch verübeln? Ich denke wieder an die alte Frau neben dem Vorhang: Vermutlich wissen alle, was hier geschieht; in sozial anerkanntem Rahmen findet ein Ausbruch, ein immer wieder Durchleben der Krise statt, dramatisch überhöht, in für einen Beobachter befremdlich erscheinenden Formen. Karneval tut Ähnliches.

Ich bewundere, wie diese Kultur eine Form gefunden hat, um in einem sozial anerkannten Setting Urgefühle auszuleben, vielleicht auch zu protestieren und für ein inneres Gleichgewicht zu kämpfen. Gewissermassen in einem totemistischen Ritual, indem Menschen selbst zur Spinne wurden, von der sie angeblich besessen waren. Für mich sind die Frauen in diesem Moment nicht Opfer, sondern Heldinnen: Sie besiegen die Spinne. Paulus, der hier einiges vor Christus durch die Basilicata und Apulien gezogen ist, mag davon denken, was er mag; geheuer dürfte ihm das Land der Priesterinnen ohnehin nie gewesen sein.

Damit genug von der schauerlich-schönen Geschichte der Tarantella. Faszinierend, wie lange sich der Kult hier halten konnte. Etwas von der Mystik schwebt in den Farben und Rhythmen bis heute mit. Etwas von den Klängen der Antike, gerade hier in der Nähe des Ionischen Meeres, wo Pythagoras über Musik nachgedacht und vielleicht musiktherapeutisch auch mitgewirkt hat, geht einem zu Ohren und lässt etwas von alter Leidenschaft und Hingabe, aber auch hier wieder von einer urtümlichen Verbundenheit mit der Natur, erahnen.

Was bleibt ist Hingabe und Leidenschaft

Was ist heute geblieben? Die Sonne sticht noch immer vom Himmel, so dass sich der Staub kaum bewegt und die Bäume zu schlafen scheinen. Getanzt und gesungen wird noch immer. Bewusstseinsverschiebungen, wenn wir es mal so nennen möchten, geschehen heute auf andere Weise. Die Frauen sind zwar heute freier, aber Oppressionen der Gegenwart werden unterschiedlich wahrgenommen – bei beiden Geschlechtern – und führen zu unterschiedlichen Ausgängen. Im Ausgang besonders, in Diskotheken und so weiter, wo man bewusst den Ausbruch vom Alltag sucht … Die Spinnen sind da unschuldig.

Tarantella und Pizzica erleben Renaissance. Aus dem einstigen Tanz der Furcht ist ein Zeichen der Identität geworden. Die grossen Festivals finden zwar in Apulien statt, da und dort aber erklingt auch die Tarantella Lucana. Ein Tanz in verschiedener Form, ohne eigentliche Choreografie, wie ich zu verstehen meine und damit ein Austoben zumindest kreativer Improvisation. Tänze finden im Hier und Jetzt statt. Ich jedenfalls höre auch hier gerne den Klängen moderner Bands und Folkloregruppen zu.

Musik ist die Sprache der Emotionen. Leidenschaft und Hingabe sind auch Wege zu sich selbst und für einen Moment aus dem hinaus, was gerade wohl etwas drücken mag. Oder wie ich es mal auf einer Webseite gelesen habe: «Tarantella – dance your mind away» (tanz dich frei, frei übersetzt…).


 

Reinschauen: Der Film von Gianfranco Mingozzi (1961) ist auf youtube einsehbar, dauert gut 18 Minuten:


Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

[1] Vergleiche zu diesem Themenkreis die Kapitel «Amara terra»: Bittere Wahrheiten und «Amara terra» II: Der Birnbaum in uns.

[2] Apostelgeschichte 28, 1–6.

[3] Ich habe auch den Filmtitel «Tarantula» gefunden. Vermutlich ist damit aber dasselbe gemeint. Den Film findet man auch unter dem Titel «La terra del rimorso» bzw. er wird bisweilen auch so zitiert, was aber verwirrend ist, denn dies ist der Titel von Ernesto De Martinos berühmtestem Buch über den Tarantismus. Auch über das Datum seiner Entstehung finde ich verschiedene Angaben. Ich meine zu verstehen: Der Filmemacher begleitete 1959 die Expedition, produzierte den Film 1961 und veröffentlichte ihn 1962. Die Musikbeiträge wurden von Diego Carpitella aufgezeichnet. De Martinos Buch ist 1961 erschienen und immer wieder aufgelegt worden.

[4] Schon zu lesen im Werk von Athanasius Kirchner, dem deutschen Jesuit und Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts, der die Tarantella als erster wissenschaftlich zu beschreiben versucht hat. Ein Ausschnitt: https://books.google.ch/books?id=WLtdAAAAcAAJ&pg=PA760&lpg=PA760&dq=mussica+la+tarantella+sotto+la+pudie&source=bl&ots=1J-ym-7hNo&sig=QyGHCf1VEzgjxvyVyu63sZXuzZE&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjkxrvluNbbAhUKIpoKHRFKA2QQ6AEIRTAF#v=onepage&q=mussica%20la%20tarantella%20sotto%20la%20pudie&f=false

3 Gedanken zu “Die Tarantella – Tanz mit Leidenschaft und gutem Gewissen

  1. Hallo Michael,
    wieder ein faszinierende Geschichte. Ging etwas verloren, oder ist etwas überwunden? Ich habe etwas geyoutubet und moderne Fassungen der Tarantella gefunden. Ich glaube, es ist etwas erhalten geblieben ohne dem Aberglauben, kann man es so bezeichnen?, weiter nachzuhängen. Nachdenklich stimmt mich immer wieder die Armut der Menschen in dieser Zeit vor 50 – 60 Jahren. Viele sind ihr wohl entkommen, aber manche leben bestimmt auch heute noch so wie in dieser Zeit.
    Ich wünsche Dir Kraft für Dein Buch, das eine Bereicherung für die Bewohner und Besucher Deiner zweiten Heimat werden wird. Mich machen Deine Berichte Neugierig und ich habe Lust wieder in die Basilicata zu fahren. Diesmal mit viel mehr Wissen um die Menschen und ihre Geschichte(n).
    Viele liebe Grüße
    Peter

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