«Amara terra» – Bittere Wahrheiten

«Amara terra mia, amara e bella» – Domenico Modugnos Stimme klingt aus dem Lautsprecher. Einige Gäste blicken andächtig auf und lassen sich von den Klängen für einen Moment ergreifen. Die italienische Version dessen, was wir als Schlager bezeichnen, ist im Süden vielleicht noch etwas mehr als das: Es ist die vertonte Volksseele und die Klänge dieser musica leggera berühren letztlich auch uns, selbst wenn wir nicht alles verstehen. Der Cantautore Modugno stammt aus der Nähe von Bari und hat uns Lieder wie «Volare» geschenkt. Klingende Italinità über die Grenzen Italiens hinaus. Aber «Amara terra mia» ist mehr als das und richtet sich nicht an die Touristen: Modugno hat 1973 ein altes Lied aus dem Süden aufgegriffen, das manche wunde Seele in nostalgische Schwingungen versetzt, in und vor allem aus allen Regionen des italienischen Südens[1]:

Sole alla valle

E sole alla colli-i-na

Per le campagne

Non c’e‘ piu‘ nessuno

Addio addio amore

Io vado via

Amara terra mia

Amara e be-e-e-e-ll-a

 

Cieli infiniti

E volti come pie-e-tra

Mani incallite ormai

Senza speranza

Addio addio amore

Io vado via

Amara terra mia

Amara e be-e-e-e-lla

 

Fra gli uliveti è nata

Gia‘ la lu-u-na.

Un bimbo piange

Allatta un seno magro

Addio addio amore

Io vado via

Amara terra mia

Amara e be-e-e-e-lla

Sonne im Tal

und Sonne auf dem Hügel.

Über dem Land

ist niemand mehr.

Lebe wohl, lebe wohl, meine Liebe,

ich mache mich auf den Weg.

Mein bitteres Land.

Bitter und schön.

 

Unendliche Himmel

und Gesichter wie aus Stein.

Nun – schwielige Hände

ohne Hoffnung.

Lebe wohl, lebe wohl, meine Liebe,

ich mache mich auf den Weg.

Mein bitteres Land.

Bitter und schön.

 

Zwischen Olivenhainen geboren

wie der Mond.

Ein Kind weint,

wird an einer mageren Brust gestillt.

Lebe wohl, lebe wohl, meine Liebe,

ich mache mich auf den Weg.

Mein bitteres Land.

Bitter und schön.

Amore e Amaro: Durch Mark und Bein

Der Moment, seine Liebe hinter sich zu lassen, der letzte noch mögliche Blick zurück, ist hart. Und bitter ist der Abschied, der sich nach jedem Besuch tränenreich wiederholt, von Menschen, aber auch vom Land selbst, das so ungemein berührt – davon können wir unsererseits ein Lied singen.

Ich habe sofort verstanden, dass dieses poetische Stück so etwas wie die bitter-traurige Hymne für all die Menschen aus dem Süden geworden ist, die ihre Heimat verlassen mussten; auch die Lukanerinnen und Lukaner.

«Puoi portare via un Lucano della Lucania, ma non la Lucania da un Lucano», habe ich mal gelesen; sinngemäss: Du kannst einen Lukaner aus Lukanien tragen, aber du bringst Lukanien nicht aus ihm. Und ist das Land auch noch so bitter …

«Un amore viscerale per la terra» – eine tiefe Liebe für das Land sei das eben, erklärt mir meine Freundin den Sinn des Liedes weiter, das auch mich ungemein berührt. Körperlich und seelisch. Und genau darum geht es. Denn als ich das Wort viscerale dann doch kurz im Wörterbuch nachgeschlagen habe, staunte ich nicht schlecht: hingebungsvoll – ja, verstehe ich. Aber die Wortgeschichte hat es erst recht in sich und bestätigt das Gehörte: lateinisch viscera, das sind die Eingeweide!

etichetta-lucanoApropos Eingeweide: «Einen Lucano», durchfährt es mich, «den wollte ich ja zum Verdauen bestellen.» Wir haben wieder einmal wunderbar gegessen. Die gebratenen Salsicce mit Rosmarin-Kartoffeln liegen noch etwas auf. Ich will meine Verbundenheit zum Land auch körperlich spüren und von seinen genuinen Köstlichkeiten zehren, solange ich kann. Auch Christus hat sich diesmal für das Abendmahl mehr als nur Brot und Wein gegönnt und sich für einen Verdauungsspaziergang verabschiedet. – Ich habe mich entschieden, die eine Apotheke aufzusuchen, die noch geöffnet hat: eine Bar. Tagsüber nimmt man hier den Espresso im Stehen ein, ein Schluck, das reicht – Kaffee ist bitter, Genuss und zugleich Medizin, welche die Geister weckt. Um diese Zeit suche ich nach anderen Geistgetränken – ich habe Lust auf etwas Bitteres. «Un Amaro Lucano, per favore!»

Amore e Amaro

«Viscerale …» – Nachdenklich schwenke ich die caramelfarbige Flüssigkeit. Liebe geht wie Bitteres durch den Magen; fast möchte ich reimen «amore e amaro».

«Was willst Du mehr vom Leben?» – «Cosa vuoi di più della vita», so kennt ganz Italien den Werbespruch des Likörs, den ich vor mir habe. Die Antwort: «Un Lucano». Es gibt diese Werbesprüche, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dieser ist vermutlich darum besonders gut gelungen, weil er Reichtum suggeriert: Mit einem Schluck verinnerlicht man die ganze Essenz dieses alten lukanischen Bodens, der Geist von über 30 Kräutern, Heilkräutern und Wurzeln, um präzise zu sein. Meine Freundin erzählt mir von einer alten Frau, die sich mit alter Medizin, Kräutern und Volksmagie auskennt. Wer Lust auf Bitteres hat, der braucht es auch, man muss nur auf den Körper hören. Heute weiss man, was für ein Segen mit dem Geschmack verbunden ist – in der richtigen Dosis von der Verdauung bis zur Immunabwehr. Bitteres auf seelischer Ebene lindere man, indem man dem Körper Bitteres gebe. Das Johanniskraut ist auch hier ein alt bekannter Helfer. Das klingt schon fast nach Homöopathie, die nach dem Grundsatz arbeitet, wonach Ähnliches mit Ähnlichem behandelt wird. Aber seit ich mich mit der alten Kultur befasse, wird mir immer wieder bewusst, wie psychosomatisch die lukanische Kultur doch ist: Geistiges hatte hier schon immer eine körperliche Komponente. Dass sich dies in der Religiosität des Volkes, in der Magie und der damit verbundenen alten Medizin ausdrückt, haben Ethnologen eindrücklich beschrieben.[2]

Schlechte Winde

Mit der Bestellung eines Amaro habe ich mich von der Lust leiten lassen. Die Medizin ist heute süsser als sie es ursprünglich war. La voglia, die Lust – meine Freundin hat mir gesagt, dass dieses Wort eine seltsame Nebenbedeutung hat: das Muttermal. Begehrte eine schwangere Frau etwas, was sie nicht sollte, befiel sie die Angst, ihre Sehnsucht und geheime Wollüste würden sich als Feuermal auf der Haut ihres Kindes einbrennen. Der Ethnologe Hauschild hat eindrücklich gezeigt, wie Begehren, Ekel und Übelkeit sich körperlich einprägen können – davon wissen die Lukaner viel. Triebe, Nöte, Ängste, Besessenheit, Liebeszauber und Böser Blick – das musste raus, erbrochen werden. Fieber, Magenprobleme, nicht selten war es früher ein kleiner Feind, der vom Bösen geschickt worden ist: Die kleine Mücke, die aus den Tod bringenden Sümpfen die Malaria brachte – «mala aria», die schlechte Luft, die aus der Hölle aufsteigt. Damit kommen wir wieder zum Likör – die zauberhafte Flüssigkeit mit geheimem Rezept: Ob die für alles verwendbare Malve, Johanniskraut, Rosmarin, Eichkraut, Wermut, Enziangewächse wie das Tausendgüldenkraut und viele andere mehr, sie alle bilden die Grundlage der heutigen Rauschgetränke und dienten einst als Kotz- und Brechmittel, um den Leibhaftigen auszuwerfen. Böses wurde mit Bitterem bekämpft, die Heilerinnen und Heiler wussten Rat, von Giften weiss man hier viel und mancher heutige Beipackzettel für pflanzliche Arzneimittel liest sich vermutlich so wie einst die alten Zauberbücher.

Geschenke und Gifte

Segensreiche Bitterstoffe – sie sind uns in der Apotheke der Natur reichlich geschenkt – Gifte und Gegengifte – sprachgeschichtlich sind das Gift und Geschenk enge Verwandte (engl. gift); Gift kommt von geben, genauso wie die Dosis, was Griechisch ebenso vom Verabreichten spricht. Gift und Geschenk sind in der Basilicata nahe beieinander.

All die alten Kuren gegen Hexereien, körperlich manifeste Geistzustände (wie die Angst, die von der Enge kommt), sind Teil einer Kultur der Angst vor dem ständig präsenten Tod (eine bittere Realität) und der Verunreinigung durch Gifte aller Art. Die Medizin muss bitter sein; Ekel wird mit Ekel bekämpft.

Die Rezepte dieser Kräuterliköre sind geheim; sie umhüllen sich mit der Aura alten Wissens. Die Tradition des Herstellens von süssen Likörgetränken wird bis heute weit herum gepflegt, alles Mögliche, was diese Erde hergibt, lässt sich in Alkohol veredeln. Es ist nicht verwunderlich, dass der Cavaliere Pasquale Vena den Amaro Lucano in der Hinterstube seiner Konditorei entwickelte. Dass es in der Schweiz die Firma des Appenzeller Alpenbitter ist, der den Lucano importiert, ist für mich übrigens eine kleine Anekdote. Geheim auch dieser, Appenzeller ist meine zweite bürgerrechtliche Identität als Schweizer mütterlicherseits. Meine Mutter aber alles andere als eine Hexe, den Strega aus Benevent, ein weiterer süditalienischer Hexentrank, würde sie niemals trinken. Bitteres ist ihr wiederum eher zuwider.

LampascioniMeine Mutter würdigt den Teller keines Blickes, wenn mein Vater Lampascioni kocht. Ihr sind die Dinger auch nach allen Prozeduren noch zu bitter. Und die sind wirklich forte (witzig, dass die etymologische Bedeutung des Wortes amaro vermutlich ziemlich genau das bedeutet: etwas ist stark[3]). Mein Vater aber liebt die weissen oder rosaroten Zwiebeln der Traubenhyazinthe – bei uns Dekoration, in der alten bäuerlichen Küche mühevoll gesammelter Schatz – und der Volksmund sagt ihnen aphrodisierende Wirkung nach. Bitteres weckt die Lebensgeister. In diesem konkreten Fall scheint sie die Liebe zur Erde zu wecken, es fliesst nicht nur der Speichel des gereizten Gaumens, sondern auch die Erinnerung, die ein Entwurzelter in sich trägt. «Amara terra».

Mara und die Wegwarte

Der Bitterstoff ist in unserer modernen Nahrung weitgehend weggezüchtet, der Gaumen mit zu viel Süssem aus dem Lot, mit all den bekannten Folgen. – Wenn Bitteres, dann nur noch in edler Form (letztlich auch der Likör mit seinem Zucker) oder als das «gewisse Etwas», wenn ich an Zartbitterschokolade, Bittermandeln und Amaretti denke. – Für Körper und Geist gilt hier wohl das Gleiche. Bitteres erzeugt eher Ekel und Abwehr. Dabei ist es unsere Immunabwehr, die uns dankbar ist, wenn wir uns dem Geschmackserlebnis – in der richtigen Dosis – stellen. Nicht verwunderlich, machen es uns viele dieser bitteren Pflanzen vor: Sie sind selbst äusserst widerstandsfähig. Eine Zichorie (Wegwarte) gehört zur sogenannten «Trittgesellschaft», Pflanzen, die laufend zertreten werden, aber sich wieder erholen.

Wer sich den Herausforderungen des Lebens stellt und auf die heilenden Kräfte des Vertrauens setzt, verbittert im entscheidenden Moment nicht. Unvermittelt kommt mir jene seltsame Geschichte in den Sinn, als das Volk Israel nach drei Tagen in der Wüste durstig vor einem See steht, dessen Wasser bitter ist. Das Volk murrt und stellt sogar den ganzen Zweck seiner Reise in Frage. Vielleicht hätte man doch bei den Sklaventreibern in Ägypten bleiben sollen; besser auf der «amara terra» leiden, dafür leben. Moses wirft auf Gottes Geheiss ein Stück Holz ins Wasser, woraufhin das Wasser geniessbar geworden ist. Der Ort heisst Mara – hebräisch für Bitterkeit – und klingt das nicht wie a-mara?[4] Es gibt also bittere «Orte».

Geistige und körperliche Lebensfülle

Der Amaro beginnt zu wirken, wir blicken uns verliebt an und freuen uns, das Leben zu spüren. Nur wer das Bittere kennt, kann auch das Süsse in seiner wahren Schönheit, nicht in seiner vergiftenden Übertreibung, geniessen. Das Herbe holt einen wieder auf den Boden – und auf diesem wächst viel erba, Wildes, das man in seinem ursprünglichen Geschmack erleben kann. Wer genuin isst, schmeckt den Boden in seiner ganzen Fülle; ich liebe diese leicht bitteren, noch wilden Gemüsesorten und Salate: Zichorien, ob gekocht oder als Salat, Kohlsorten, Rape, Portulak, Löwenzahn und viele mehr. Nur wer alle Geschmacksrichtungen kostet, erfährt die volle Fülle des Lebens in seiner ganzen Ausgewogenheit.

Und wieder geht die Liebe durch den Magen. Doch nicht nur – ich erinnere mich an die Begegnung mit Horaz: sapere heisst wissen, doch kommt es ursprünglich von schmecken und von riechen. Die Wortgeschichte wandert vom Körperlichen auf der Zunge zum Körperlosen in der Nase bis hin zum Geistigen des Verstandes – dort, wo die Erinnerung sitzt. Und zur Zunge muss das Gelernte dann wieder wandern.

Ich nehme den letzten Schluck des Amaro, die Eiswürfel klimpern. Bitteres erzeugt Abwehr, wir wollen immer nur das Gute. Aber: Zu viel des Guten ist schwer verdaulich. Da braucht es dann Bitteres, um wieder ins Lot zu kommen. Gilt das nicht für Körper und Seele gleichermassen? Seelisch ist Bitteres zwar schwer zu verdauen; wer hat nicht schon bittere Tränen oder vom Kelch der Trauer gekostet. Was aber ist die Medizin – und wer der Arzt –, wenn wir Bitteres in unserem Leben antreffen und Bitterkeit in uns in Form von Wut, Hass, Neid und anderen negativen Gefühlen aufsteigen und einen zu zerfressen drohen?

Trotzdem: Können bittere Erfahrungen nicht auch heilsam sein? Und ist die bittere Medizin erst einmal geschluckt, stellen sich doch Veränderungen ein? Murren hilft nichts. Mose, ich nehm den Stock! «Addio addio amore, io vado via» – Lebe wohl, meine Liebe, ich mache mich auf den Weg; mein bitteres Land.

Bittere Tränen

Das Lied will mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Gesichter sind zu Stein erstarrt, die Kinder weinen. Ich denke unvermittelt an Carlo Levis Malereien oder an diese fast unsäglichen Gemälde unbekannter Künstler von Kindern mit Tränen im Gesicht; diese habe ich früher in so vielen süditalienischen Häusern oder auf Tombolas an Sportanlässen in der Schweiz gesehen. Heute verstehe ich es immerhin, diese ständige Traurigkeit angesichts eines harten Lebens, von dem ich so viel gehört habe. Aber schwielige Hände allein machen noch nicht bitter; auch wenn alle Hunger leiden – Familie, Nachbarschaft und Menschlichkeit kann wärmen und ab und zu liegt trotz allem auch ein Fest noch drin. «Viscerale», die innige, ja körperliche Verbundenheit ergibt sich, je weiter man in den Süden blickt, weil das Leben hier schlicht und einfach noch sehr lange sehr körperlich war. Und war die Erde oft tatsächlich dürr und unfruchtbar, bebte sie auch oft, viel Dankbarkeit nach viel Körpereinsatz für eine Hunger stillende Ernte, die langen Märsche, das Leben unter der Sonne, die unmittelbaren Düfte und das Leben im Rhythmus der Natur. Das Körperliche hat sich in die Seele eingeprägt.

Das Land verbittert

Trockene Erde ist im Dialekt zwar bittere Erde. Aber es waren Mensch und Geschichte, welche die Beziehung zum Boden beendeten: Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Landwirtschaft an Bedeutung, Importe zerstörten Markt und Preise, die Basilicata wird von der Industrialisierung und der Moderne weitgehend ignoriert. Die ersten, die sich neu orientierten, sind die Grossgrundbesitzer – sie widmen sich gehobenen und freien Berufen, werden Ärzte, Notare, Anwälte; die Bauern, die Bauerngesellschaft versucht sich zu verbürgerlichen, die einen schaffen es, sich weiter über Wasser zu halten; wer nichts hat, verlumpt noch mehr – insbesondere die Tagelöhner. Und ganz im Stillen verschwinden Handwerkskünste und viele Traditionen verstummen für immer.

Nicht nur die Erde ist bitter. Es ist auch die bittere Seele des Menschen: Jene Aussichtslosigkeit, von Menschen und ihrer Härte gemacht, ihrer Gier, vom Wenigen etwas mehr zu haben, vom Leben in einem Sozialsystem, in welchem wenige mächtig sind und diese auf das Schweigen zählen können, insbesondere jener, die auf die anderen treten, um nach einem Tropfen Anerkennung gieren zu können und der anderen, die sich schweigend fügen – oder eben dann weggehen.

Ehe der Sänger sich vom Gift der Realität verbittern lässt, rettet er sich in Nostalgie – eine Krankheit, und das ist Nostalgie im eigentlichen Wortsinne – scheint die andere zu kurieren.

Und heute? Was wirkt noch immer, warum ziehen Menschen heute weg? Wer hat Arbeit, wer nicht – und warum? Viel Bitterkeit, aber auch viel Medizin, der Boden hätte und hat es in sich, aber auch der Amaro Lucano des Cavaliere Vena: «Lavoro e Onestà» – «Arbeit und Aufrichtigkeit», so das Firmenmotto auf dem Banner, das der Adler auf der Etikette trägt.

Die alte Dame

So, aber jetzt haben auch wir uns einen Spaziergang verdient. Hand in Hand bummeln wir die steile Strasse ins Centro Storico, in die Altstadt hinauf. Der Wind pfeift. Und wie immer frage ich mich, was er uns wohl erzählen wollen würde. Es ist still, wir schlendern an den leeren Häusern vorbei und treffen auf dem höchsten Punkt, beim «Castello», auf eine Gruppe von Leuten. Wir grüssen und gesellen uns dazu.

«Sie haben ihn verrückt gemacht.» Die Erinnerung schien sie noch immer zu erschaudern. Die alte Frau schaut über die Mauerbrüstung in die Ferne, die Faust auf die Hüfte gestützt. Wenige Zähne sind ihr geblieben und ein alter Dialekt beseelt ihren Mund; ich höre ihr gerne zu, auch wenn mich ihre Geschichte – viele dieser Art habe ich schon gehört – erschauert. Sie erinnert mich an meine Grossmutter mit ihrem geblümten Rockgewand, der Schürze, den Strümpfen, den schneeweisen Haaren. Ein Schlag alter Menschen, den es bald nicht mehr gibt; ein hartes Leben, keine Schulbildung, Armut, aber auch Genügsamkeit. Und wen wundert’s, ich finde heraus, dass sie sogar tatsächlich eine entfernte Verwandte von uns ist.

Sie spricht mit den anderen auf dem Platz über das Bauernvolk, das in diesem kaum mehr bewohnten Dorfteil unter der Willkür adliger Grossgrundbesitzer leiden musste und was solche Umstände aus Menschen machen; sie hat es als Kind erlebt. Da ist alles dabei, was man im fernen Mittelalter vermuten würde: Ein Leben in prekären Verhältnissen, Intrigen, Familienfehden, ständige Missbräuche an den Mädchen und Frauen, Beischlaf für Gefälligkeiten, Kinder von Priestern, schlecht behandelte Kuckucks-Kinder und Waisen, Spitzel, die sich unter den Taglöhnern einen Vorteil bei den Herren erhofften, harte Arbeit, lange Märsche. Das Böse wuchert, solange man es gewähren lässt, niemand hatte die Kraft, es anzugehen. Hier hat man Schweigen und Ertragen gelernt. Was der Beichtstuhl zu ertragen hatte, man kann es nur erahnen. Und doch sickern immer wieder Geschichten durch, die vom bitteren Leben erzählen, ehe nur noch der Wind die unzähligen Geschichten vergangener Leben in den Ruinen und verlassenen, verfallenden oder von Spekulation bedrohten Palazzi und Häusern erzählt.

«viscere» – Und wieder wird es bitter

Und schon wieder ist ihnen Unrecht wiederfahren, nun sollen sie ihre Häuser räumen, weil einmal mehr ein Quartier einsturzgefährdet ist. Man erinnert sich plötzlich an die unterirdischen Gänge, die es hier überall gibt. Als ob hier etwas wuchern würde; unvermittelt kommen mir Dantes «viscere» in den Sinn, die Gänge in der Hölle, Gedärm, nichts anderes … Der Adel hatte auf Sand gebaut, heute tröpfelt es aus Wasserleitungen ins Erdreich, Autos und nachlässiger Unterhalt tun das Ihrige dazu. Wie soll sich die alte Frau in ihrem Alter, ohne Schulbildung und Beziehungen wehren.

Da stehen die Leute also beisammen. Und ist einmal für den Moment alles zum aktuellen Problem gesagt, kommen die alten Geschichten. Sie zeigt auf den leeren Platz; hier stand bis kürzlich ein antiker Palazzo (ich kann mich selbst noch an Mauerreste erinnern). Der hat sich nach dem grossen Erdbeben von 1980 nicht mehr erholt. Bald wird sich niemand mehr erinnern.

Der Barbier

Und da war eben dieser Jüngling, ein Barbier, den sie verrückt gemacht haben sollen. – Wer sind die? «Die Carabinieri. Es passte dem Don nicht, dass er sich in seine Tochter verliebt hatte. Ein Niemand sei er in den Augen des tyrannischen Grossgrundbesitzers gewesen. Täglich schlich er sich durch die Gasse, die an diesem Palazzo vorbeiführte und hoffte, das hübsche Mädchen zu sehen. Und tatsächlich, auch sie liess sich mit einem Lächeln am Fenster blicken. So ging das eine ganze Weile. Romeo und Julia, wie sie im Buche stehen. Doch das Gift sollte nur ihn treffen. Der Don nutzte seinen Einfluss: Die Carabinieri verhafteten ihn, wohl unter einem Vorwand, verschleppten ihn in die Kaserne. «Sie haben ihm ein Gift gespritzt, eine Droge.» Der junge Barbier war nicht mehr wiederzuerkennen. «Sie haben ihn verrückt gemacht. Was für ein hübscher, hoffnungsvoller junger Mann.» – Mich schauert. Das muss ich erst einmal verdauen.

Meine Freundin summt das Lied… «Amara terra»

 

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La Lucania mi pare più di ogni altro, un luogo vero, uno dei luoghi più veri del mondo […] Qui ritrovo la misura delle cose […] le lotte e i contrasti qui sono cose vere […] il pane che manca è un vero pane, la casa che manca è una vera casa, il dolore che nessuno intende un vero dolore. La tensione interna di questo mondo è la ragione della sua verità: in esso storia e mitologia, attualità e eternità sono coincidenti. (Carlo Levi)

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

[1] https://www.youtube.com/watch?v=hjbD81gBvg4 – Link geprüft am 21.11.2017.

[2] Unbedingt zu empfehlen und anregend für weiterführende Überlegungen ist das Kapitel «Bittere Wahrheiten» zur Bedeutung des Bitteren in Medizin und Magie in der lukanischen Kultur in Thomas Hauschilds Buch «Macht und Magie in Italien (S. 360 ff.).

[3] Vgl. dieses online-Wörterbuch: http://www.etimo.it/?term=amaro – geprüft 20.11.2017.

[4] Die Geschichte in 2. Mose 15, 22 ff.

3 Gedanken zu “«Amara terra» – Bittere Wahrheiten

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