Von einer würzig-süssen Freundschaft: „Cioccocrusco“

«Che sapore!» – Die Schokolade hat es in sich! – Da ist zum einen das Geschmacksfeuerwerk, das sich im Mund entfacht, zum anderen die Erzählung, die dahintersteht: «Zwei Traditionen, die sich verheiraten und damit eine aussergewöhnliche Kreation zum Leben erwecken, von einzigartigem und mitreissendem Geschmack», steht da auf dem Beipackzettel. – Apropos Beipackzettel: Ob Medizin oder Mythos, Schokolade soll glücklich machen. Im ersten Moment macht diese edel verpackte Tafel mir zumindest grosse Freude, denn sie erinnert mich an mich selbst als Kind zweier Kulturen.

Antonios Grundidee bestand darin, etwas vom Genuinsten, was die Basilicata zu bieten hat, den Peperone Crusco, mit edler Schokolade bzw. Kakao aus Schweizer Produktion, zu verheiraten. Beide Elemente haben eine lange Reise durch die Geschichte hinter sich. Auch hier gilt, was für Menschen richtig ist und ich immer wieder beschrieben habe: «Niemand war schon immer da». Eines Tages im Mittelalter ist die Paprika (Peperoni) im Süden über die Araber eingewandert und fühlte sich wohl auf dem lukanischen Boden. Die Menschen hier machten aus ihr etwas, was es ausschliesslich in dieser Gegend geben wird, den getrockneten und schmackhaften Crusco in all seinen Formen.[1] Wer die Schokolade erfunden hat, darüber scheiden sich die Geister; im Land der alpinen Kultur und Milchwirtschaft kam es eines Tages aber zu einer weiteren Verfeinerung und schliesslich zur Verheiratung von Milch und Kakao, was die Tradition von Schokolade in der Schweiz in allen Formen befeuert hatte. Und in Antonios Schokoladenkreation mit dem Namen «Cioccocrusco» finden diese beiden Traditionen nun zusammen.

«Mi sa di buono!» Und da ist das Essenzielle. Wenn ich darüber nachdenke, schliesst dieses Produkt, das ich im Laufe dieses Jahrs entdeckt und auf die Weihnachtsfeiertage 2019 hin endlich persönlich geniessen konnte, den Kreis zu dem, wovon ich in Buch und Blog über die lukanische Kultur immer wieder erzählt habe: Das sprachgeschichtliche Zusammenspiel zwischen dem italienischen (bzw. einst lateinischen) Sapore (Geschmack) und Sapere (Wissen) ist ein besonderer Schlüssel der Erkenntnis.

Wer genau hinschaut, wird erkennen, wovon jedes einer Region entstammende typische Produkte erzählt und was es vielleicht sogar mit einem selbst zu tun haben könnte. Da steckt die Ahnung von jener viszeralen Beziehung des Menschen zu seinem Boden, zur Natur, drin; eine tiefgehende Liebe, die ich in Lukanien besonders spüren und erkennen konnte. Es ist eine Liebe, die – wörtlich, wenn wir vom Essen reden –, durch die Eingeweide (daher das Wort «viscere») geht.

Wenn also Zunge und Gaumen der Geschichte des Geschmacks aufmerksam horchen: sapere heisst wissen, doch kommt es ursprünglich von schmecken und von riechen. Die Wortgeschichte wandert vom Körperlichen auf der Zunge zum Körperlosen in der Nase bis hin zum Geistigen des Verstandes – dort, wo die Erinnerung sitzt. Und zur Zunge muss das Gelernte dann wieder wandern. Darin liegt das Geheimnis des Geschmacks, das im Wort Sapore, abgeleitet von Sapere, seinen Ausdruck gefunden hat.

Peperone Crusco erzählt von der amara terra, der bitteren Erde, die doch immer wieder Süsses hervorbringt, sein Rot von der feurigen Leidenschaft, vom Leben. Die Liebe ist viszeral, geht durch den Magen. Die bitter-süsse Schokolade tut das Ihre dazu, ist sie doch heute selbst zu einem Botschafter der Liebe geworden. «Cioccocrusco» lässt sogar noch eine Prise Meer erahnen, indem «fior di sale» zu den Ingredienzien zählt: Salzblume gedeiht nur an heissen und windstillen Tagen. Meer, Sonne, heisse Böden und die Geschmäcker, die von fernen Zeiten erzählen.

Die Zunge horcht, während die Schokolade auf ihr schmilzt. Zum Genuss kommt die Analyse des Geistes, der lernen und die Seele, die sich erinnern will. Das Wort Analyse kommt vom Griechischen und bedeutet «Auflösung». Da wird etwas in seine Bestandteile zerlegt. Diese Elemente wiederum kann man dann aufgrund von bestimmten Kriterien erfassen, ordnen oder etwa untersuchen und auswerten. Von Interesse sind etwa die Beziehungen und Wirkungen und Wechselwirkungen zwischen diesen gefundenen Elementen. Da ist der Crusco, da ist die edle von Schweizer Meister-Chocolatiers hergestellte Kuvertüre (Madagascar 64%, Kakaobutter, Zucker und Vanille), eine Prise Salzblume und ein Hauch Peperoncino.

Die Kreation ist die Synthese zweier Traditionen – also nicht eine Fusion, obwohl in beiden Fällen etwas gänzlich Neues entsteht. Keine Verschmelzung, so zartschmelzend die Schokolade wiederum ist. Bei der Synthese ist es meiner Meinung nach wie bei einer guten Ehe oder einer Freundschaft: Die Elemente sind bei genauer Betrachtung, beim bewussten Hinschmecken, erkennbar (analysierbar) und erzählen je für sich von ihrer Geschichte und Tradition. Es ist das Zusammenspiel, das seinen Reiz darstellt und hier entsteht etwas ganz Neues. So gesehen hat auch die kulinarische Tradition, insbesondere über Zeiten, Generationen und insbesondere über Grenzen hinweg getragen, etwas Dialektisches an sich.

Genug der Philosophie: Schokolade ist zum Geniessen da. Auf welche Art auch immer sie glücklich macht, das vorliegende Produkt ist mir persönlich eine grosse Freude. Es schliesst den Kreis zu vielen Aspekten, die im Buch und auf dem Blog über Lukanien beschrieben sind, und die Tatsache, dass ich sie kurz vor Weihnachten 2019 überreicht erhalten habe, ist der Resonanz geschuldet, die mein Wirken offenbar ausgelöst hat. Spannende Menschen mit berührenden Rückmeldungen auf die Texte kamen in dieser kurzen Zeit auf mich zu und teilten mit mir ihrerseits ihre Geschichten und ihr Tun: Zahlreiche Freundschaften zu Menschen, die sich in Italien und im Ausland – wie Antonio nun als in der Schweiz lebender Lukaner – für die Basilicata und ihre Kultur mit ihren Begabungen und Berufungen vom Schriftsteller, über den Reiseleiter bis zur international renommierten Köchin, einsetzen, sind in kürzester Zeit entstanden.

Das ist «coinvolgente» – ergreifend. Der Beipackzettel, der das Geschmackserlebnis beschreibt, braucht dieses Wort auch. So möchte ich an dieser Stelle gerne dazu einladen. – Lassen Sie sich diese Geschichte und das Erlebnis von «Cioccocrusco» unbedingt auf der Zunge zergehen, wenn sie Schokolade mögen oder sie sie mit Freunden teilen, die sie gerne in dieses Erlebnis «involvieren» («co-involgeren») möchten.


Wer mehr über die besondere Schokolade von Antonio Cammorata erfahren möchte: www.cioccocrusco.ch (auch auf Deutsch, mit Bestellmöglichkeiten).


[1] Peperone Crusco, rotes Gold und knusprige Tradition: In Buch und Blog ist der Crusco mehrfach beschrieben; auch in einem eigenen Kapitel: hier. – Eine weitere kleinere Ironie der „Migrationsgeschichte von Peperoni und Schokolade: Beide haben ihre entferntesten Wurzeln in Südamerika.

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