Ferien in Colobraro: ein liebevoller Reisebericht eines Heimkehrenden

Colobraro – Noch heute findet man Leute, die zuerst leer schlucken, wenn sie den Namen dieses Ortes hören. Ein kleines Dorf in der Provinz Matera, in der süditalienischen Region Basilicata. Auf dem Blog und im Buch habe ich über dieses Dorf und seinen Ruf berichtet. «Jenes Dorf» sagen sie – aber genau in jenes Dorf geht die Reise von Rocco Giuliano, der als Sohn eines Auswanderers und einer deutschen Mutter zum ersten Mal mit seiner eigenen Familie seine Ferien dort verbringen will. Die Erfahrungen eines Rückkehrenden, nun selber in der Rolle des Vaters, Kindheitserinnerungen, die Begegnungen mit Menschen, die sich über den Besuch von jungen Leuten mit Kindern freuen: Das Buch verschlingt sich in einem Zug.

Liebevoll, witzig schreibt Giuliano über das Leben der Menschen, über die Probleme und Nöte, aber ebenso liebevoll über die zahlreichen Unzulänglichkeiten des Mezzogiorno. Natürlich hat der kleine Roman etwas von Jan Weilers «Maria, es schmeckt ihm nicht» und ist daher von hohem Unterhaltungswert, gerade für Menschen, die ihre Wurzeln im Süden haben und so an manchen Stellen zustimmend nicken, auch ein Lied von der entsprechenden Passage singen und über sich selbst schmunzeln können. Aber natürlich ist das Buch nicht nur Ironie oder Komödie: Man lernt etwas dabei und würde gerne noch mehr erfahren. Kurzum: Schade, hat der Urlaub nicht länger gedauert und noch mehr Kapitel ergeben. Erstaunlicherweise thematisiert Giuliano die Geschichte um Hexen, Magier und Flüche nicht, also das Bild des alten Lukaniens, von dem gerade dieser Ort als «quel paese» – «jenes Dorf», zu welchem man in Italien Leute sprichwörtlich schickt, wenn man sie ins Pfefferland wünscht – zeugt(e); ist vielleicht auch nicht nötig, denn heute machen die Colobraresen das Beste daraus und verwerten ihre Geschichte touristisch, insbesondere mit einem wundervollen Festival. Das Buch ist vielmehr ein wundervolles Stimmungsbild vom Alltag, von Nachbarschaft, von den Märkten, Kulinaria (es ist Aprikosensaison!), von der Gastfreundschaft und Liebe für Kinder, die auch «gumpa» Rocco spüren darf.

Wundervoll, dass das Verlagshaus «BoD Books on Demand» Giulianos «An der Sohle des Stiefels» nun mit «Matera, die Basilicata und ich» aus meiner eigenen Feder gleich zwei Bücher anbieten kann, die aus der Basilicata, von der Literatur noch wenig gestreift, nicht als Reiseführer berichten, sondern als authentische Berichte von Autoren mit dem besonderen Blick des Rückkehrers und des zwischen zwei Kulturen Lebenden.


 

Rocco Giuliano: An der Sohle des Stiefels. Urlaubsgeschichten aus der Basilikata. BoD Norderstedt 2015. 94 Seiten. ISBN 978-3-7386-4108-0. Paperback: 4.98 Euro/7.50 CHF, ebook (Kindle): 3.49 Euro


Mehr zum Buch und seinen Hintergründen in diesem Artikel vom 12. April 2016 auf echo-online: https://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/literatur/rocco-giuliano-erzahlt-in-an-der-sohle-des-stiefels-uber-das-italienische-heimatdorf-seiner-familie_16803489#

Ein Gedanke zu “Ferien in Colobraro: ein liebevoller Reisebericht eines Heimkehrenden

  1. Schlimmer noch: es sich im Fremden zurecht machen zu wollen.
    Interessanter wärs doch im Fremden sich selbst zu erkennen – find ich jdnfls

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