Antonio hat eine Idee – Von einem Lukaner, der sein Glück fand

«Ich habe eine Idee», sagte mein Vater Antonio einst. «Schreib doch mal ein Buch über mein Leben». Besonders nach den dramatischen Erlebnissen der letzten Jahre, in denen er eigentlich die Früchte seines Lebenswerkes nur noch geniessen wollte, tauchte der Gedanke immer wieder auf. Und irgendwie war klar: Es konnte nicht einfach eine Lebensgeschichte dieses Antonio sein; es wäre die Familiengeschichte, die zwar irgendwo in der Basilicata der Nachkriegsjahre begann, die Auswanderung des jungen Mannes in die Schweiz in den 1960ern und alles, was damit zusammenhängt, erzählt. Dann käme die Heirat mit der Schweizerin, das aufopferungsvolle Leben, das immer davon geprägt war, in der Fremde etwas für die Familie aufzubauen, unter dem Schmerz, dass die Heimat keine Perspektiven gab, dann kommt ein Kind nach dem anderen und so weiter. Bis zum Punkt, an dem das Haus niedergebrannt ist, aber dies dann doch nicht das Ende war. Bis zum Punkt, an dem klar ist, dass dieser Handwerker im Schweizer Dorf schon längst so etwas wie eine Institution geworden ist. Zwei Heimaten, zwischen denen die Seele pendelt.

Und da schickt mir Max, mein Tiroler Freund und Leser, der die Basilicata unterdessen bestens kennt, ein Buch. «Antonio hat eine Idee», schon das Cover macht neugierig. Und wieder ist es Colobraro, «jenes Dorf» in der Provinz Matera, das hier Ausgangspunkt einer Geschichte ist. Witzig, denke ich – und wieder ist es der Norderstedter Verlag BoD Books on Demand. War ich kürzlich bei der Rezension des Buches von Rocco Giuliano, der die Wurzeln seines Vaters in eben diesem Colobraro sucht, der Meinung (und darüber erfreut), dass bei BoD mit meinem Erzählbuch über Matera und die Basilicata, nun zwei deutschsprachige Bücher mit Bezug zur Basilicata vorliegen, sind es nun doch drei!

Ein vergleichsweise dünnes Buch und doch so dicht und voller Parallelen zu «meinem» Antonio und den Themen, die auch bei mir immer wieder anklingen und im Buch ihren Niederschlag gefunden haben. Das kündigt sich schon beim Lesen des Buchrückentexts an:

«Man nehme einen arbeitssuchenden Analphabeten, der Vater von sieben Kindern ist und aus Colobraro stammt, setze ihn 1969 mit einem gepackten Seesack in einen Zug und lasse ihn auf eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse fahren. Zwischendurch schüttele man kräftig und gebe eine Prise Deutschland, einen Schuss Humor und einen Esslöffel Lucia-Liebe hinzu. Anschließend lasse man alles über einem Vulkan aus Ideen sprudelnd kochen, bis sich ein Antonio bildet, der die Herzen und Mägen der Menschen aus Wewer in NRW im Sturm erobert… Buon appetito beim Lesen!»

Und der Appetit kam beim Lesen wirklich. Ich habe es in einem Zug gelesen, konnte es nicht aus der Hand legen. Anfangs unterhaltsam, witzig, schliesslich ergreifend traurig. Die Autorin Julia Beylouny schreibt mit der Unterstützung der Tochter und der Enkelin ein sehr einfühlsames Buch über das turbulente Leben der Familie Di Matteo.

Wie rezensiert man denn ein Buch über eine Lebensgeschichte? Schreibt doch das Leben selbst die besten Geschichten, so würde ich sagen, ist es der Autorin bestens gelungen, dasjenige von Antonio di Matteo, dem lebenslustigen Kämpfer und Unternehmer, den er in Deutschland werden konnte, von einer Idee zur nächsten, über Niederlagen und Rückschläge hinweg, in den vermutlich wesentlichsten Zügen als eine fortlaufende Geschichte darzustellen. Eine Lebensgeschichte braucht vermutlich keine Rezension, man soll sie einfach geniessen und miterleben. Wie sagt es die Autorin so schön? «Mir ist bewusst geworden, wie viel hinter einem einfachen Anruf für eine Pizzabestellung steht. … Ich habe die Menschen kennengelernt, die hart arbeiten, um ihre Kunden zu Königen zu machen. Menschen, die ihr Herzblut geben … Eine Familie, die durch dick und dünn geht. Die zusammenhält, wenn es darauf ankommt. Und die den Traum eines einfachen Mannes aus Colobraro bis heute lebt – Antonios Traum von einer besseren Zukunft in Deutschland.»

Antonio, der in Wewer (NRW, Deutschland) einen Imbiss, eine Gelateria und anschliessend eine Pizzeria eröffnet, ist zu einer regionalen Institution geworden, sprüht wie ein Vulkan vor Ideen und Tatendrang. Die Familie hält zusammen und führt die Pizzeria und Geschichte in seinem Sinn bis heute weiter. Und wie vertraut mir das alles vorkommt. Der Kämpfer- und Unternehmergeist, die Kunst der Improvisation, die Familie, nicht zu viel überlegen, einfach tun. Es ist gut, überall Freunde oder Verwandte zu haben, um Ideen in die Tat umzusetzen, von denen so manch konventionell Denkender Geist abgeraten hätte. Nicht immer ganz ohne Niederlagen, ab und zu sich den Kopf am deutschen (oder Schweizer) Wesen kurz zu stossen, aber sich davon nicht aufhalten lassen; all das kommt auch vor. Ebenso wie die immer starke Liebe zur Heimat («amara terra»), die auch in der Generation der in Deutschland geborenen Enkeln zu einer neuen Qualität findet. Es ist die Kreation eines Lebenswerks, in dem man total aufgeht – bis es einem die Gesundheit nicht mehr erlaubt und das Leben seinem Ende entgegengeht. Ab hier wird die Geschichte etwas traurig und die Seele möchte wieder zurück in die Heimat. Aber das Happy End besteht darin, dass so eine Geschichte eben nicht abgeschlossen ist, wenn der Vater und die Mutter mit ihrem Licht (Lucia) dafür gesorgt haben, dass die Kinder und Enkel sie auf ihre Weise, die auch durchaus diejenige des Vaters und Nonnos ist, weiterschreiben.

Da ist sie wieder, die «Pizza der Erkenntnis», die mir in der Basilicata begegnet ist, als ich mir nach dem Brand unseres Hauses und der Schuhmacherei meines Vaters Gedanken darüber machte, was denn nun eigentlich ein Lebenswerk ist. Ob Pizza oder Schuhe – von diesen Antonios kann man viel lernen. Und das wäre wohl auch mein Anspruch, sollte ich dieses Buch doch mal noch schreiben …

Ich habe jedenfalls Lust, diese Pizzeria einmal kennenzulernen. Und etwas Inspiration, wie so eine Lebensgeschichte erzählt werden könnte, habe ich nun auch.


 

Julia Beylouny – Anna und Sabrina Di Matteo: Antonio hat eine Idee. Die turbulente Geschichte der italienischen Gastarbeiter-Familie di Matteo. Norderstedt, BoD Books on Demand 2018. – ISBN 978-3-752-88647-4. – 167 Seiten – 11.90 Euro (Ebook: 4.99)

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