Maria Magdalenas Auferstehung als Apostolin – Auf Reise in einer suggestiven Landschaft und Filmkulisse

Es waren eiskalte Novembertage, als 2016 wieder einmal eine Film-Crew Matera für eine grössere Produktion in Beschlag genommen hatte. Unzählige Komparsinnen und Komparsen, die man aus der Gegend rekrutiert hatte, warten in Gewändern aus biblischen Zeiten und Sandalen auf Anweisungen. Ich will mir nicht ausmalen, wie erfrischend etwa die Taufszenen bei diesen Temperaturen im Wasser der Gravina waren. Eine Ahnung davon habe ich von meiner Freundin, die eine Wäscherin mimte, erzählt bekommen. Die Macher um Garth Davis wollten das Licht einfangen, das die frühe Morgensonne in diesen Tagen auf dieser archaischen, wilden und doch stillen Leinwand zeichnet, und Wasser zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film. Frieren, Warten, «ciak» – Klappe – Warten, nochmals «ciak». Auch Christus friert, ist ja auch nur ein Mensch. Aber er ist einer der wenigen, der immer wieder eine Jacke trägt. Christus braucht immer wieder Pausen und Betreuung. Er raucht – und: Er scheint mit Maria Magdalena zu flirten!

Sakrileg gegen das Weibliche

Und an dieser Stelle berühren sich vor der Kulisse dieser zeitlosen Landschaft Vergangenheit und Gegenwart auf seltsame Weise: Wenn man der Regenbogenpresse glauben kann, haben sich die beiden Hauptdarstellenden Mara Rooney (Maria Magdalena) und Joaquin Phoenix (Jesus) auf dem Set ineinander verliebt und es ein halbes Jahr später zugegeben; wie es damals zwischen den biblischen Gestalten gewesen war, darüber sucht man nicht erst seit Dan Browns Sakrileg nach unterschiedlichen und bisweilen abenteuerlichen Antworten. Wesentlicher ist angesichts der dürftigen Quellenlage und vagen Interpretationen über diese Figur vor allem eines: Die Persönlichkeit Maria Magdalenas wurde, nachdem sie in der Urkirche noch vor allem als Erstzeugin der Wiederauferstehung Christi gegolten hatte, besonders im Westen zur bekehrten Sünderin erklärt und im Folgenden ikonografisch missbraucht zum Inbegriff eines Sakrilegs gegen das Weibliche und die Frauen im Allgemeinen.

Ein Auferstehungsdrama der besonderen Art

Hier will der Film korrigieren. Er kommt – nach einer Verzögerung durch das skandalbedingte Stolpern der Weinstein-Company nach der «metoo»-Affäre  – rechtzeitig auf Ostern 2018 in Europa in die Kinos. Günstig zum einen, weil sich dieser Termin bei allen theologischen Schwierigkeiten und schwindendem Verständnis immer noch bei einem breiten Publikum für biblische Stoffe in Kino und am TV zu eignen scheint. Zum anderen ein etwas selbstbewussteres Moment: Ohne Christus geht es zwar nicht, aber die junge Frau tritt hier aus seinem Schatten; weniger Passion, dafür mehr Leidenschaft. Und man erinnert sich: Ostern gibt es auch ohne Maria Magdalena nicht.

Pier Paolo Pasolinis Werk ist unvergessen (Il Vangelo Secondo Matteo). Der Urvater des lukanischen Christusdramas hatte 1964 einen unerreicht rebellischen Christus vorgeführt, einen Film mit einfachsten Mitteln, Laienschauspielern und doch höchster Ausdrucksstärke gedreht: in schwarz-weiss mit den archaischen Gesichtern hiesiger Bauern und der soeben staatlich geräumten Höhlenlandschaft Materas. Sein Blick ist zwar sozialkritisch, als atheistischer Mensch geht er eines Reformators ähnlich bibelgetreu vor (wie Zwingli entlang des Matthäus-Evangeliums), doch: Maria Magdalena scheint er merkwürdigerweise übersehen zu haben. Die Filme nach ihm bleiben dem alten Schema treu.

Raum für eine weitere filmische Interpretation einer vielerzählten Geschichte; dass dies ausgerechnet hierzulande geschieht, kommt nach «PPP» einem zweiten Wunder des Bibelkinos gleich. Ausgerechnet in der Basilicata erfährt diese besondere Gefährtin Christi vor breitem Publikum ihre eigene Auferstehung – als Apostolin und als Frau.

Ob die «Apostolin der Apostel» nun historisch aber seine Geliebte war oder nicht, tritt bei dieser Frage in den Hintergrund. Die Verfilmung von Martin Scorsese («Die letzte Versuchung», 1988) über das Leben Christi lässt die beiden skandalträchtig zum Liebespaar werden. Die einen oder anderen mögen sich an das Musical Jesus Christ Superstar erinnern: «Wie soll ich ihn nur lieben?»: Selbst in einem Rockmusical der 1970er-Jahre kommt sie aus der Rolle der selbstverschuldeten Unterwürfigkeit der Sünderin nicht heraus und fühlt sich ihrer Gefühle dem geistigen Führer gegenüber nicht würdig.

Die etwas verschwiegene Fachwelt hat zwar schon seit längerem Schritte in Richtung rehabilitierender Anerkennung, die der Frau im Kreis der Jünger gebührt, getan, aber erst 2016 setzte Papst Franziskus sie den Aposteln gleich. In der breiten Öffentlichkeit wird das vermutlich kaum wahrgenommen und was es bedeutet, scheint nicht ganz klar zu sein. Anders nun der neueste Film: Maria stemmt sich gegen Vater, Brüder und Konventionen, verweigert ein Heiratsarrangement – und wird mit Dämonenaustreibung bestraft. Zwar eine biblische Szene, aber ohne Interpretation von Sündhaftigkeit. Und was wesentlich ist: Maria entscheidet sich für die Nachfolge Christi ganz eigenständig, fast mit dem Eifer einer Reformatorin. Die Ehefrau des Zürcher Reformators Anna hat übrigens in erster Ehe auch gegen den Widerstand seines Vaters geheiratet und sich mit der Nachfolge Zwinglis auf ein ziemlich riskantes Abenteuer eingelassen. «Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern.»

Sie kommt Christus in der Folge auch menschlich näher und er ihr, auch wenn es nie wirklich explizit wird. Entschlossen in Sache und Auftrag, aber mit Gefühlen, Ängsten wird dieser starke, aber auch zärtliche Christus neben dieser – bewusst wohl auch attraktiv gewählten – Maria zu einer der vermutlich menschlichsten Interpretationen des Heilands, der in sich nicht nur heil, sondern bisweilen auch zerrissen sein kann.

Umzeichnung einer Ikone

Nichts anderes als die Rehabilitation einer Frau, die zur Ikone gegen ihr eigenes Geschlecht geworden ist, strebt der Kinofilm an. Dass die Weinstein-Company hinter diesem ambitionierten Vorhaben steht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, im Film sind wir zudem Zeuginnen und Zeugen von «metoo»-Gesprächen unter Frauen. Ob der heilige Gral damit gefunden ist, ob die Botschaft gelingt, die wie andere Darstellungen im Genre Bibelfilm nicht ohne Fiktion und Interpretation auskommt, liegt im Auge der Betrachtenden, die Filmkritik überlasse ich anderen.

Der Film ist zwar kommerzielle Kunst und hat als solche verschiedenen Ansprüchen zu genügen. Wie zaghaft, wie mutig er in seinem Anliegen ist, auch das liegt im Auge der Betrachter/innen. Zeit ist es aber trotzdem geworden, dass auch die Kunst sich von dem jahrhundertelang gepflegten Bild der Maria, genauer der Marien, löst und so mit der über sie transportierten Interpretation des Weiblichen mit seiner latenten Sündhaftigkeit bricht. Neben Eva, der verführten Ursünderin und Maria – der nie erreichbaren und in allem reinen Übermutter – ist Maria Magdalena, die aus verschiedenen Marien und Namenlosen, verschiedenen Quellen zusammengesetzte Figur, zur Verkörperung der problematisierten Weiblichkeit geworden: oszillierend zwischen Heiliger und Hure, stete Gefahr für die Männerwelt, werden deren Schwächen als Sünde auf die Frau als Mittel der Unterdrückung und Rechtfertigung für Inferiorität zurückgespiegelt. Und: Über Jahrhunderte haben sich Künstler, Mönche und andere an den lasziven und erotisierenden Darstellungen von Maria in lüsternen Posen, jung, mit langem Haar oder mit entblösster Brust etwa, die es neben den devot und stets leicht dankbar-beschämt blickenden Magdalenen gibt, erfreut und auf sozusagen erlaubte Weise Fantasien «ventiliert». Bestraft wurden damit die Frauen, welche die Figur wiederum zu verehren, aber eigentlich als ständige Mahnung zu betrachten hatten. Dieses Bild der Maria Magdalena ist zur sexistischen Folie geworden, wie die Frauen zu einem gottgefälligen und den Männern dienenden Leben zu finden haben. Die Jüngerin Christi wird zur Apostolin einer im Laufe des Mittelalters und besonders seit der Gegenreformation perfektionierten Propaganda der Unterdrückung.

Der Versuch des Films ist zu schätzen. Auch wenn Maria Magdalena als Auferstehungszeugin eine gewisse Beachtung zuteil geworden ist, so stand sie doch immer im Schatten von Christus und erst recht der Jünger. Petrus und Paulus werden zu Garanten einer männerdominierten Kirche. Frauen wurden zum sündigen Gefäss erklärt und hatten in der Kirche plötzlich zu schweigen, als Ersatz überhöhte man Mutter Maria. Im Film spulen wir zurück: Maria Magdalena hat in einer Welt, die in einer Zeit vor Dogmen spielt, viele Fragen an Christus. So hat der Film trotz fiktionaler Elemente einen fast reformatorischen Ansatz: Zurück zur Urkirche – in einer Urlandschaft, der Basilicata – und damit zu den Anfängen: Das frühe Christentum als Bewegung für alle, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Rasse (Petrus ist Schwarzer!). Langsam und bedächtig, mit viel Weichzeichner, der Film erzählt von einem lebedigen Glauben und der Urbotschaft, an die auch diese Maria erinnert: die Freiheit. Ob mit der Erhebung Maria Magdalenas – übrigens am Festtag des Heiligen Herzens Jesu (3. Juni 2016) – zur Apostolin, der in hohem Mass eigenständig gestalteten Umsetzung durch den Film sanfte Schritte in Richtung Öffnung des Priesteramtes für Frauen in Gang gesetzt sind?

Basilicata – Bühne und geistiger Hintergrund zugleich

Mehr als die Sassi: Die Basilicata mit ihren landschaftlichen Kontrasten, abgeschiedenen Dörfern, Mondlandschaften der Calanchi – auch heute zieht die Gegend Filmschaffende noch immer in ihren Bann. Über die Basilicata als beliebter Drehort seit ihrer Wiederentdeckung nach Carlo Levi ist schon viel geschrieben worden. Mittlerweile hat sich daraus ein eigentliches Touristengenre gebildet und trägt nicht nur passiv zur modernen Entwicklung der Basilicata bei: Mit der Gründung der Basilicata Film Commission besteht eine Institution, die Projekte lanciert sowie Filmproduzierende aus dem In- und Ausland mit Mitteln, Logistik und der Organisation von Komparsen und Statisten unterstützt. Die Coppolas haben ihre Wurzeln in Bernalda, unweit Matera und Pomarico – Francis Ford hat hier in ein Hotel investiert und fördert das Business auf seine Weise. Die Liste der hierzulande gedrehten italienischen und ausländischen Filme verschiedenster Genres ist lang[1] und Christus selbst ist hier schon mehrfach geboren, gestorben und wieder auferstanden. Ich selbst habe in Miglionico vor dem eindrücklichen mittelalterlichen Kruzifix in der Kirche sitzend von einem Priester erzählt bekommen, wie Mel Gibson ebenda jeweils gebetet hat, in den Drehpausen seines umstrittenen Kreuzigungsfilms (The Passion, 2004), dem offenbar eine Fortsetzung in Form der Wiederauferstehung zuteilwerden soll. Pomarico selbst wurde übrigens vor kurzem als Drehort mit einer Komödie beschenkt (Noi e la Giulia, 2015).

Mit Komparsen aus der Neuverfilmung von Ben Hur (Bekmambetov, 2016), um zu den klassischen Osterfilmen zurückzukehren, habe ich meine ersten Römer leibhaftig und persönlich kennengelernt.

Und nun die Wiederauferstehung der Maria Magdalena. Nicht die erste «starke Frau» auf dieser bitteren Erde des Südens. Wer filmt all die Kämpferinnen des Alltags? Oder denken wir nur an all die Brigantinnen, die es auch gegeben hat und von denen auch Männer bis heute mit Bewunderung erzählen. Filme spielen sich einem da im Kopf ab, die voller Grausamkeit und Leidenschaft sind – und in keiner Weise dem männlichen Gebaren in jenen Banden nachstehen. Bezogen aber auf die Filmerei: Auch Wonderwoman wurde hier 2016 gedreht. Doch hängt dieser Figur doch immer noch ein sexistisches Geschmäcklein an.

Pasolini ist die zweite Autorität hinter Carlo Levi, an der man bei einem Besuch in der Basilicata nicht vorbeikommt. Er hat die Gegend für den ersten hier gedrehten Bibelfilm entdeckt. Für ihn war die Basilicata das Gelobte Land, das dem bürgerlichen Geist der Zeit widersprach. Enttäuscht ist er 1963 von Sondierungen für einen Dreh aus Israel und Jordanien zurückgereist: zu modern, zu industriell. Von Freunden wird er schliesslich auf Matera aufmerksam gemacht, er hört von der kargen, vormodernen Schönheit dieser Landschaft, die palästinensischer als Palästina scheint. Pasolini war von «Italiens Schande» (Ministerpräsident Alcide de Gasperi) fasziniert: Materas Sassi, Ghetto sozial Schwacher, Landarbeiter (und mit der Zeit allerlei zwielichtiger Gestalten und Gewerbe) wurden zu einer Art Krippe voller vormoderner Gestalten mit präindustriellen Gesichtszügen, ideale Kulisse und ausdrucksstarke Komparsinnen und Komparsen waren die Zutaten des Erfolgs.

Ähnlich, zumindest, was die Suche nach einer geeigneten Landschaft betraf, ging es der Truppe um den Magdalenen-Film. Israel schien ihnen nicht geeignet, hier fanden sie aber die Atmosphäre, in welcher die Figuren des Films ihre spirituellen Entwicklungen vollziehen sollen. Ob aber die Figuren sich ebenso ausdrucksstark von der Kulisse abheben, wie bei Pasolini, das sei dahingestellt.[2]

Bei all dem internationalen Glanz, den die Basilicata durch die zahlreichen Filmproduktionen erhält, bleibt eine kleine Wehmut bestehen: Bis auf wenige Ausnahmen spielt und thematisiert sich die Gegend nicht selbst: Am bekanntesten ist da Francesco Rosis Verfilmung von Carlo Levis Roman Cristo si è fermato a Eboli (1979). Zu nennen sind aber auch Tre fratelli (1981) sowie Lina Wertmüllers I Basilischi (1963); während Filme wie Luigi Zampas Gli anni ruggenti (1962), Brunello Rondis Il demonio (1963) oder Carlo Di Palmas Qui comincia l’avventura (1975) den archaischen Süden beleuchten, erhält man 2010 mit Rocco Papaleos Basilicata Coast to Coast in Form einer Komödie eine entdeckenswürdige Basilicata präsentiert. Dieser Film und vollends die in den Sassi in einem B&B gedrehte und tatsächlich in Matera spielende Serie Le Sorelle (2017) hat einen regelrechten Reiseboom ausgelöst. Die jüngst verflimte Komödie Wine to Love (2018) oder Mafiafilme wie Terra bruciata (1999), die mit Alessandro Gassman, Ornella Muti und Michele Placido nationale Idole – Placido mit Wurzeln in der Basilicata! – aufweisen, vermochten ebenso Touristen anzulocken. Sonst aber gilt: Die meisten der hier gedrehten Filme zeigen das Andere, darunter etwa schon früh Lattuadas La Lupa (1953), eine Geschichte, die im Sizilien des 18. Jahrhundert spielt.

Da ist sie wieder, jene Unsichtbarkeit, selbst bei einem visuellen Medium. Mag sein, dass die Basilicata zwar mit Maria Magdalena zumindest indirekt Filmgeschichte geschrieben hat, indem sie wiederum mit ihrer atemberaubenden Szenografie den Nahen Osten mimt. Viele Aspekte dieses Films sind aber trotzdem bei genauer Betrachtung bemerkenswert, die zumindest eine geistige Verbindung des Films mit seiner Kulisse konstruieren lässt.

Da ist einmal die Betonung der Maria Magdalena in ihrer Funktion als bekehrte Sünderin, und das ist man in der alten von Männern dominierten Welt als Prostituierte. Diese Zuschreibung ist historisch viel stärker im lateinischen Westen als in der Ostkirche erfolgt. Dort wurde sie schon immer eher in ihrer Rolle als Erstzeugin der Auferstehung verehrt. Was wäre wohl geschehen, hätten sich die byzantinischen und orthodoxen Spuren über eine längere Zeit in dieser Gegend der kulturellen Brücken etwas länger erhalten? Darüber nachzudenken, ist vielleicht müssig, aber umso interessanter ist der Blick auf die uralte, aber von Frauen dominierte spirituelle und zeichenhafte Welt, die Welt der Heilerinnen, Magierinnen, der heimlichen Priesterinnen, an die sich selbst mächtige Männer wenden und die sozusagen unter dem Christentum schwelt. Erst mit der Gegenreformation hat diese Sphäre verstärkt ein männliches Gegenüber erhalten, dem es sich zu entziehen suchte oder vermischend widersetzte. Der Heiligenkult ist aus meiner Sicht ein Produkt dieses Vorgangs und die Gottesmutter Maria ist in ihren verschiedenen Erscheinungsformen – übertragen und wörtlich, wo plötzlich eine nach der anderen gesichtet wird, – eine der ersten Zeuginnen.

Den Lukanerinnen und Lukanern war schon immer klar, dass es die Frauen sind, die das Religiöse verwalten. Von den Priestern zähneknirschend geduldet, sind es die Frauen, die in Tat und Wahrheit mächtig sind.

Offiziell gibt es wahrscheinlich niemand zu. Als Maria Magdalena den Jüngern von der Auferstehung berichten soll, besteht die Gefahr, dass dies als Weibergeschwätz abgetan wird. Dennoch wählte Christus sie aus. Die Gefährtin ist mutig zum Ort der Bestattung gefolgt, wusste also wo das Grab war und wo sie nach der Sabbatruhe die üblichen Salbungsrituale vollziehen konnte. Die Frauen verwalten auch hier das, was weitergeht: Ohne ihr mutiges Reden gäbe es keine Auferstehung, keine Gemeinschaft unter den Irdischen.

Die Frauen wichen generell nicht von der Seite des Gekreuzigten, während, so sagt man, die Jünger geflohen seien. Fairerweise kann man annehmen, dass sich die Frauen hier auch etwas hinter der Rolle der Klageweiber verstecken konnten. Im Gegensatz zur rein kulturellen Funktion, die es bis vor kurzem auch in der Basilicata noch gab, fühlten sie wohl auch echten Schmerz und konnten damit ihre Rolle – stellvertretend auch für die abwesenden Männer – besonders glaubwürdig wahrnehmen. Eine Ahnung davon bekommen wir im Westen heute noch, wenn wir Mütter und andere Frauen bei den ungezählten Malen nach Attentaten und Terrorakten sehen und beobachten: Wie sie mit vollem Körpereinsatz weinen und flehen, wie sie sich auf die Särge werfen, während die Männer eher ratlos in die Leere starren. Genauso: Bis in die Jugend meines Vaters gab es dieses kulturelle Klageventil in der Basilicata noch ganz lebendig und selbst einem abgebrühten Ethnologen muss sich angesichts des Spektakels das Blut in den Adern gefroren haben. Schaudernd vor dem sogenannten «Lamento Lucano», der sich am Bett des Toten in der Nacht und tags darauf im Leichenzug hinter dem Priester, der fast vergeblich gegen den Lärm der rituellen Klage seine Litaneien sprach. Frauen schreien, heulen, singen Klagelieder (la nenia), beschimpfen den Toten, loben den Toten, singen über die Verlassenen und Zurückgebliebenen, Verzweifeln und freuen sich für den Toten auf dem Weg in eine bessere Welt (aber geh!) – ein Gefühlsbad, alle Widersprüchlichkeiten müssen raus, und das sehr körperlich: Sie raufen sich die Haare, schlagen sich auf die Brust, werfen sich auf den Leichnam im Bett und auf den Sarg, knien auf den Boden und schreien mit hochgestreckten Armen zum Himmel.

Und dann der nächste Schritt: Maria Magdalena, die Frau, ist Zeugin – des Augenblicks, aber mehr als das: Sie war Jüngerin und wird Apostolin. Auch sie hat zu erzählen und eine Botschaft zu vermitteln. Reisen in die Basilicata regen zum Denken an, das über einen hinausgeht. Und nun Maria Magdalena. Einmal mehr wurde mit einer grossen Produktion ein Stück Filmgeschichte in dieser zeitlosen Landschaft geschrieben. Betrachtet man diese, sieht man die Welt, wie sie sein sollte (Francis Ford Coppola). Das kann man auch im übertragenen Sinn so sehen.

 

Beitragsbild: «Maria Magdalena» auf Blu-ray & DVD erhältlich (Universal Pictures).

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!


[1] Eine in Deutsch verfasste, lesenswert und schön illustrierte Broschüre gibt zumindest bis 2010 Auskunft darüber: http://www.aptbasilicata.it/fileadmin/immagini/opuscoli_informativi/2010/ciak_de.pdf. – Link geprüft am 22.3.2018.

[2] So ist zu lesen: «Non eravamo solamente alla ricerca delle architetture e dei paesaggi; volevamo comprendere le dinamiche sociali del tempo, cosa la gente mangiava, con quali utensili cucinavano, come erano fatte le loro case, quali risorse avevano a disposizione – spiega il produttore Iain Canning. – Non potevamo realizzare le riprese in Israele, ma quando abbiamo visitato Matera in Italia abbiamo ritrovato le stesse atmosfere di Gerusalemme, con similitudini veramente incredibili. Volevamo accompagnare il pubblico in un’immersione nel passato, piuttosto che provare a ricostruire una versione moderna che non avrebbe avuto niente a che fare. Gli ambienti in Italia ci hanno garantito anche una discreta varietà per poter ricostruire il viaggio che dal Lago di Galilea arrivò fino a Gerusalemme.» – Quelle: http://www.turismo.it/cultura/articolo/art/matera-anche-maria-maddalena-passata-da-qui-id-17007/ – Link geprüft am 22.3.2018.

2 Gedanken zu “Maria Magdalenas Auferstehung als Apostolin – Auf Reise in einer suggestiven Landschaft und Filmkulisse

  1. Lieber Michael,
    Wieder begeistert mich, welche Ideen und Gedanken Du zu einem spannenden Artikel formst.
    Wir waren wahrscheinlich zu den Dreharbeiten ein paar Tage in Matera. Jedenfalls war der Platz vor der Kirche belagert von allerlei ein wichtigen Menschen vom Film, ein Sassi zur Kantine umfunktioniert und die Gassen voller Schauspieler.
    Viele Grüße
    Susanne und Peter

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