«Quo vadis?» – Das faltige Gesicht einer alten Landschaft voller Kontraste

Wir fahren mit dem Zug von Potenza her kommend in das Basento-Tal; Grassano, auf den Spuren Carlo Levis, der die Landschaft damals um einiges langsamer als wir auf sich einwirken lassen konnte. Bald sind wir da, nächster Halt Ferrandina. Christus blickt in die Ferne. Unser Blick folgt den vorbeiziehenden Hügelzügen, die das Tal säumen. Ungeordnete Gruppen von Häusern klammern sich auf den Kuppen und Spitzen. Etwas fällt hier als typische Landschaftserscheinung auf: Zu Füssen dieser alten Dörfer nagen Zeit, Wind und vor allem Regen an den lehmigen Flanken dieser Erhebungen. Die magischen Pinselstriche von Mutter Natur zeichnen faszinierende dünenartige Furchen, die parallel oder fächerartig, steil und tief zu Tal ziehen und trotz ihrer Dürre und höchstens spärlicher Vegetation faszinieren. Wer in der südöstlichen Basilicata unterwegs ist, erblickt solcherart strukturierte Hügel entlang der Täler des Agri, Sauro und eben des Basento: i calanchi.

Calanchi – Charakteristische Falten eines alten Gesichts

Die Zeit scheint zwar über Jahre stillgestanden zu haben und doch ist die Natur leise in Bewegung: Die Geologen nennen das Phänomen der Calanchi, das heute viele Dörfer in Schwierigkeiten bringt, Erosionsrinnen, Wikipedia fasst es unter dem Begriff Badlands zusammen, schlechtes Land.[1] In der Tat, auf den ersten Blick sind die gefurchten Hänge unwirtlich, rau, gefährlich – der Berg rutscht – und auf den zweiten: dem Menschen nicht nützlich. Und doch ist es gerade der Mensch, welcher der Natur die Leinwand zur Gestaltung dieser trotz allem schönen Kunstwerke geboten hat – wie die weiten Felder der mediterranen Macchia-Vegetation zeugen in vielen Fällen auch diese Furchen im Gesicht dieser alten Landschaft von der Geschichte: intensive Abholzung von Wäldern seit der Antike haben die Böden instabil gemacht und ausgehungert. Darum die stete Erosion seit Jahrhunderten.

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Calanchi bei Montalbano Jonico

Furchen und Falten im Gesicht eines alten Menschen erzählen von seinem Leben und machen ihn auf ganz besondere Weise interessant, vielleicht auch schön. Solche Gesichter habe ich in meiner Jugend in der Basilicata viele gesehen. Sie erzählen von einem harten Leben unter der heissen Sonne. Und so ist es auch mit den Calanchi. Wer Erosion oder Badlands hört, denkt zunächst nicht unbedingt an Positives – wer die Landschaft aber erlebt, der vermag auch die schönen Seiten zu erkennen und staunt demütig über die Schaffenskraft der Natur. Aliano, Montalbano Jonico – wo sogar ein Naturpark die Calanchi zum erfahrbaren Thema macht[2] – oder Pomarico, Pisticci und Bernalda: Wer auf einem jener Hügeln steht, fernab vom Dorf, in der Stille, die nur das Rauschen des Windes durchbricht, und in die Ferne schaut, der bleibt bei diesem Anblick nicht unberührt. Auch das gehört zur Basilicata – kontrastreich ist diese krippenartige Landschaft und erzählt an verschiedenen Ecken und Ende eine andere, je eigene Geschichte.

 

Quo vadis? – Entdeckungen

Wer hingegen mit dem Auto vom Norden nach Pomarico anreist, tut dies in der Regel über die Autobahn von Bari her; dabei sieht man die Calanchi zwar noch nicht, durchfährt aber von Apulien über Altamura ein Gebiet der kalkigen Schluchten und Canyons der Alta Murgia, bis er in die hügelige Zone des Materano gelangt. – Auch wenn der Fahrtwind, der ins halbgeöffnete Fenster strömt, und das Dröhnen der Pneus auf dem unter der heissen Sonne immer wieder verformten Asphalt die Geräusche der Natur übertönen, vermag man ab und zu das Zirpen von Grillen und Zikaden vernehmen. Vertraute Geräusche – aber auch die Nase wird geschmeichelt und an Zuhause erinnert: Da ist dieser Duft von Olivenholz, das auf den Feldern verbrannt wird. Und plötzlich merkt Christus, dass auch hier einem die Antike ganz unvermittelt sowie auf unerwartete Weise ins Auge springt: «Hast Du gesehen, wie die Strasse heisst, auf der wir fahren?» – «SS 7», antworte ich. «Hoppla – Via Appia! – Die Römer!» Da kommt mir eine Episode in den Sinn, die sich auf der berühmtesten aller römischen Strassen abgespielt hatte:

«Domine, quo vadis?» Petrus wollte aus Rom fliehen und vor den Toren Roms soll ihm Christus auf der Appia begegnet sein. «Herr, wohin gehst du?», fragte er ihn, worauf ihm Christus antwortete, dass er auf dem Weg nach Rom sei, um noch einmal gekreuzigt zu werden. Beschämt kehrte Petrus um und stellte sich dort den Verfolgern und seinem Märtyrerschicksal.[3]

Via Appia: Kulturgeschichtliche Hauptschlagader

Die geschilderte Begebenheit geschah also nach Christi Kreuzigung; an der besagten Stelle befindet sich heute eine Kirche, die an die Begegnung erinnern soll. Und noch ein kleines touristisches Detail: Ob Christus wohl wusste, dass er schnurstracks in die Basilicata – damals Lukanien – hätte gelangen können, wenn er wieder umdreht und die Via Appia Richtung Süden abschreitet, wissen wir nicht. Einverstanden, es sind ein paar hundert Kilometer, aber was soll’s: Das hindert nicht daran, uns daran zu erinnern, wie viel mehr früher Menschen zu Fuss unterwegs waren als heute. Unterdessen hat Christus die Gegend entdeckt und niemand fragt ihn mehr: «Quo vadis?» Und: Man darf – und kann – ihm gerne folgen![4]

Die sogenannte Königin der römischen Strassen jedenfalls verband Rom mit Brindisi und durchquert die nördliche Basilicata von Benevento über Venosa Richtung Taranto. Teilweise sind Reste dieser antiken Strasse sowie einer südlicheren Spangen-Abkürzung, die im Mittelalter entstanden ist und von Benevento her kommend über Potenza an Miglionico und Matera vorbei Richtung Taranto führt, noch heute sichtbar und Entdeckungen sind noch immer möglich.

Die moderne Autostrasse von Rom nach Brindisi folgt heute sogar weitgehend dem Streckenverlauf der antiken «Autobahn», in der Basilicata sodann dem mittelalterlichen Abschnitt. Wer umgekehrt mit dem Auto von Bari über Altamura Richtung Matera (und Pomarico) unterwegs ist, gelangt also irgendwann auf diese Via Appia, die heutige Strada statale SS 7. Wer die kleine Strassenmarkierung erblickt, malt sich Geschichten aus und reist in Gedanken in die hier überall so spürbare Vergangenheit.

Wenn Petrus wirklich in Rom war, dann hat er bestimmt den gleichen Weg genommen wie Paulus, die gleiche Strasse beschritten wie später die Kreuz-, Tempel- und andere Ritter, ein Weg, auf dem Waren und Menschen, Religionen, Ideen und andere Einflüsse vom Meer, aus dem Osten in den lateinischen Westen eingewandert sind – all das quer durch die Basilicata. Ganz zu schweigen von den grossen Schlachten, die auf diesem Territorium ausgefochten worden waren.

Viele historische Zeugnisse aus allen Epochen zeugen davon, dass die Basilicata auch später alles andere als eine Randregion war. Wer sich etwa für das Mittelalter, für Ritter, Orden, Burgen, Kirchen und Klöster interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten und kann erkennen, dass die Gegend in dieser Zeit eine wahre Blüte erlebt hat. Zahlreiche wehrhafte Schlösser finden sich in kleinsten Dörfern. Einen Halt in Miglionico etwa möchte ich gerne empfehlen und wer dort vor dem riesigen Schloss mit dem Namen Malconsiglio («Schlechter Rat») steht, wo man das Tal mit der Appia antica überblickt, räumt bald ein, dass es ein guter Rat war. Schlecht beraten waren nur die Barone, die sich hier 1485 trafen und gegen den spanischen König Ferrante verschwören wollten.[5] Auch hier gilt: für damalige Verhältnisse ein Geschehen von weitreichender Bedeutung und die Basilicata alles andere als Randregion. Wer genau hinschaut: Architektur, Kunst und Kultur zeugen von weiträumigem Austausch mit der damals bekannten Welt.

Staunen

Mittelalter: Da kommen einem nicht nur die Langobarden, Normannen, Byzanz, Sarazenen, all die Dynastien und Königshäuser in den Sinn, die ihre Spuren hinterlassen haben, sondern bald einmal auch der deutsche Kaiser und König von Sizilien: der Staufer Friedrich II. Das Staunen der Welt («stupor mundi») wurde er genannt. Er liebte die Gegend, war für einige Zeitgenossen Reformator und Messias gleichermassen und hatte stets Byzanz als Vorbild vor Augen. Ein wichtiges Zentrum seiner Macht, seines Wirkens und seiner Leidenschaft für die Falknerei lag auf dem Territorium Apulien-Basilicata. Eine vielschichtige und vielfältige Figur, welche die einen das Fürchten, die anderen das Staunen lehrte. Vielen Süditalien-Reisenden und spätestens mit der Einführung des Euro ist das berühmte achteckige Schloss Castel del Monte bekannt, kundigeren Reisenden unter anderem die Kathedrale in Altamura als steinerne Zeugnisse ein Begriff. Aber es gibt noch mehr; in der Basilicata finden sich Stauferspuren etwa in Lagopesole, Melfi, Palazzo San Gervasio und so weiter. Die Bewunderung für ihn hält bis heute an und man hat nicht vergessen, dass die Basilicata zum damals modernsten Staat der Zeit gehörte. Ein bisschen vom Mythos des effizienten Deutschen mag da mitschweben.

Heute staunen die Besucherinnen und Besucher, die in die Basilicata reisen. So abseits und doch mittendrin. Auch wenn man wohl sagen kann, dass die Welt der Hirten und Bauern, welche diese bittere Erde über Jahrhunderte Erde bewirtschaftete, eine eigene war und wohl von der Geschichte kaum berührt worden war, so gab es doch auch die andere Realität, wonach sich die Basilicata als südliche Kernzone inmitten des Weltgeschehens befand und regen Austausch mit der Aussenwelt erlebte. Vielleicht kann man sogar behaupten, dass die Region erst in der Frühen Neuzeit, mit der Abwanderung des sich verbürgerlichenden Adels in die grossen Zentren, spätestens durch den «Anschluss» des südlichen Königreichs ans vom Norden dominierte Italien im 19. Jahrhundert im übertragenen und eigentlichen Sinn an den Rand gedrängt wurde und vollends mit dem Aderlass an Menschen (und Know-how, wenn wir an das Handwerk denken) aus dem Bewusstsein verschwunden ist.

Die Gegend blieb so, bis vor nicht allzu langer Zeit, ein regelrechter – sogar im wörtlichen Sinn – Geheimtipp: unbekannt; ohne Grund kam kaum jemand hierher. Heute ist das wieder anders: Die Basilicata ist nicht nur das erdölreichste Gebiet in Italien, hier befinden sich auch Flächen, die zu den grössten Anbaugebieten Italiens für Früchte und Gemüse zählen; über die Jahrhunderte wurde viel Land für Getreide, Viehwirtschaft, Oliven und Wein der Natur abgerungen. Dennoch versucht die Basilicata ihre Spezialitäten zu wahren und zählt neben der Entwicklung lokaler typischer Produkte verstärkt auch auf den Tourismus.

Das Staunen der Welt und die Renaissance einer Region

«Quo vadis?» oder anders gefragt: «Wohin geht ihr in die Ferien?» Meine Familie konnte in den vergangenen Jahren selbst erleben, wie die einst kaum bekannte Basilicata («in der Nähe von Bari») zu den meistbereisten Gebieten Italiens geworden ist. Die Gegend ist heute dank besserer Anbindung der Flughäfen in der Nähe, schnelleren bzw. direkten Zugverbindungen Richtung Süden und stetig verbesserter Verkehrsinfrastruktur deutlich näher gerückt. Etwas Abenteuer ist aber trotzdem immer noch geblieben, das einem das Gefühl von Distanz und Eintauchen in eine andere Welt belässt. Und wer einmal hier angekommen ist, den lässt die Gegend nicht mehr los. Die Basilicata ist zum Stupor Mundi des Südens geworden.

Eindeutiger Magnet aber ist Matera. Dennoch, was mich immer wieder etwas schade dünkt: Reisen nach Matera haben immer noch so etwas wie Ausflugs-Charakter und sind Teil einer Rundreise in den Nachbarregionen, allen voran Apulien. Spürt man so den Atem von Kultur, Geschichte und Eigenheiten dieses so besonderen Fleckens Erde oder verkommt ein Kulturerbe der Menschheit so zur reinen Kulisse?

Die Basilicata ist keine einheitliche Region. Verschiedene Gegenden innerhalb der Region bieten sich mit ihren touristischen Spezialitäten an, denken wir an das Vulture-Gebiet, die Seen und Thermalquellen bei Monticchio, die Strände, die lukanischen Dolomiten, die Berge, die Küste bei Maratea, Städte wie Venosa, Acerenza, Melfi und so weiter. Sie hat eine grosse Dichte von National-, Natural-, Archäologie- und Regionalparks[6] – unter ihnen den grössten Italiens (Pollino); man kann sie zu Fuss, zu Pferd, mit Fahrrad erkunden. und die Basilicata ist für sich selbst schon so etwas wie ein Park geworden, in dem es viel (wieder) zu entdecken gibt. Es ist ein Land der Kontraste. Man trifft hier immer noch auf sehr abgelegene Dörfer, Abgeschiedenheit und Stille, aber auch auf modernes, pulsierendes Leben, auf einen merkwürdigen Paarlauf zwischen Traditionen in allen Lebensereichen und Moderne, auf die Romantik vergangener Zeiten, auf Transhumanz (Schafherden, die über die Landschaft getrieben werden) und Landwirtschaft wie auf moderne Industrie, Film- und Tourismusunternehmer, überraschende Start-ups oder auch Autobau (Fiat-Werke in Melfi). Die erste Berührung mit Lukanien ist zweifellos die Gastfreundschaft und die vielfältige Kulinarik, der erste Eindruck, wer sich die Zeit dafür nimmt: die atemberaubende Landschaft in kontrastreicher Szenografie.


Vielfältige Gestalt des Territoriums

Die heutige Region bildet das Herzstück des italienischen Mezzogiorno mit einer Fläche von gut 10‘000 km2. Sie liegt eingebettet zwischen Kampanien im Westen, Apulien im Norden und Nordosten sowie Kalabrien im Süden und wird von zwei Meeren benetzt: Im Westen das Tyrrhenische Meer mit felsigen Küsten (30 km) und der bekannten Stadt Maratea; im Süden befindet sich ein längerer Küstenabschnitt am Jonischen Meer (40 km) mit seinen Sandstränden und Städten wie Metaponto, Policoro oder Scanzano Jonico. Bereits ihre Geografie und insbesondere die Gestalt ihrer Oberfläche zeugen von einer vielfältigen und kontrastreichen Region: Wir finden neben fruchtbaren und kultivierten und beweideten Flächen immer noch wilde und kaum berührte Landschaften, einige Wälder, mit Macchia überwachsene Flächen, kalkige Ebenen und Schluchten, viele karge und trockene Gebieten, etwa in Form der lehmigen Hügel mit den mondlandschaftartigen Calanchi, Seen, Flüsse. Jede Gegend trug etwa auch ihren Beitrag zur reichhaltigen Küche der Basilicata bei. So ist der Anteil an Fisch und Meeresfrüchten vergleichsweise klein, während Produkte aus Landwirtschaft und Viehzucht dominieren.

Oberflächlich betrachtet, wörtlich, ist ein anspruchsvolles Relief bereits ein wichtiger Quell zahlreicher Kontraste: Nur gerade 8 % der Oberfläche ist eben (vor allem das Gebiet um Metaponto Richtung Meer). Der hügelige Anteil der Basilicata beträgt gut 45 %, wobei wie erwähnt vor allem lehmige Erhebungen dominieren. Der Hauptteil besteht aus gebirgigen (47 %) Zonen: Das Pollinomassiv mit dem grössten Nationalpark und dem Serra Dolcedorme (2267 m), das Sirino-Massiv, das sowohl den Papst (Monte del Papa, 2005 m) als auch wiederum eine wichtige lokale Madonna (Monte Sirino, 1905 m) beherbergt, der Monte Alpi (1900 m), der Monte Rapara (1764 m) sowie der Maddalena-Komplex mit dem Monte Volturino (1835 m) bilden die höchsten Erhebungen des Lukanischen Appenins. Nicht zu vergessen ist natürlich der einstige Vulkan Monte Vulture (1326 m) im Nordosten, wo sich die grössten Anbaugebiete des Aglianico-Weins befinden.

Eindrücklich sind auch die sogenannten Lukanischen Dolomiten (ähnliche bizarre Formen wie die Namensschwestern im Norden) mit malerischen Dörfen, die sich wie Adlernester in ihren Spitzen einnisten: Castelmezzano und Pietrapertosa. Wer das Abenteuer sucht, kann hier an einem Seil, das über das Tal gespannt ist, von einem Dorf zum anderen in horizonaler Lage fliegen. Il volo d’angelo – ein Engelsflug – für Mutige.

Grundsätzlich ist die Basilicata reich an Wasser. Da sind nicht nur die grösseren Flüsse wie der Bradano, Basento, Agri, Sinni, Cavone oder Noce zu nennen. Unbedingt zu besuchen sind die malerisch gelegenen Seen, wie etwa diejenigen bei Monticchio, vulkanischen Ursprungs, inmitten eines Rückzugsgebiets der Briganten und Ort eines wichtigen St. Michaels-Heiligtums. Daneben gibt es aber auch künstlich angelegte Seen wie etwa Pietra del Pertusillo, Monte Cotugno. Der mir bekannteste See unter diesen ist die Diga di San Giuliano, unweit von Matera. Ein Naturschutzgebiet lädt zum Verweilen und zur Erholung ein, ein Informationszentrum stillt den Wissensdurst von Naturfreunden. Wer im Sommer einmal erlebt hat, wie Pinien und Eukalyptusbäume duften, wird immer wieder mindestens einen Mittagsschlaf in deren Schatten erleben wollen. All diese Seen dienen der Bewässerung in der Landwirtschaft, als Speicher für Löschwasser und wie der Camastra-See teilweise als Trinkwasserspeicher. Wer Strände und das Meer mag: Die Küsten am Ionischen Meer sind sandig, während die tyrrhenischen Abschnitte (Maratea) hoch und felsig sind. Beides hat seinen Reiz.

Übrigens: Auch das Klima ist sehr kontrastreich. Die Sommer werden heiss, bisweilen grüsst der Scirocco von der anderen Seite des Mare Nostrum, von seit je her immer Menschen und Traditionen hinübergekommen sind. Ein besonderes Erlebnis, wenn einem auf einem Hügel dieser heisse, trockener Wind um die Ohren bläst. Im Landesinneren kann man sich unter dem Jahr aber auf ein zwar kontinentales Klima mit kalten und regenreichen Episoden, aber auch sehr lokales Wetter gefasst machen. So wie jedes Dorf seinen Dialekt pflegt, hütet es irgendwie auch sein eigenes typisches Wetter.


«Quo vadis?» – Klar, das war doch der Titel eines Films, der jeweils an Ostern schon lange vor Mel Gibsons in Matera (und dem von Erosion gezeichneten) Craco gedrehten Epos über Christi Kreuzigung am Bildschirm flimmerte. Christus ist unterdessen angekommen. – Wohin? Diese Frage stellt sich mitunter immer seltener, wenn jemand sich für eine Reise in die Basilicata entscheidet, nicht Ethnologe, Sprachwissenschaftler, Historiker oder anderweitig wissenschaftlicher Interessierter ist, sondern sich für eine der Gegenden interessiert, die zu den Wiegen der Menschheit zählen darf. Wohin sollte bei genauem Hinsehen eigentlich nur noch die Qual der Wahl in einer vielfältigen Region voller Kontraste zum Ausdruck bringen.

Wer sich die nötige Zeit dafür nimmt, wird bald merken, wie eine Region der Verlangsamung und eine Gegend ausserhalb der Zeit auf einen wirkt und, wer sich auf sie einlässt, auch über die Landschaft zu einem spricht. Die Basilicata ist leise, drängt sich nicht auf; wer aber hinreist, begegnet nicht zuletzt sich selbst, sobald er sprachlos geworden ist.

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Calanchi in der Nähe von Pomarico (Richtung Bernalda, übers Land) – Sommer 2017

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!


[1] Siehe den entsprechenden Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Badlands – Ein Blog von Reisenden, Susanne und Peter entdecken die Calanchi: https://susanne-und-peter.com/2016/11/12/durch-die-erosionslandschaft-der-calanchi/ – Links geprüft am 28.2.2018.

[2] Siehe dazu etwa: https://legambientemontalbano.jimdo.com/la-riserva-dei-calanchi/ oder https://www.ceaicalanchi.com/la-riserva-dei-calanchi/ – Links geprüft am 28.2.2018.

[3] Nach den sogenannten Petrus-Akten, die zu den apokryphen Bibeltexten zählt.

[4] «Quo vadis?» –  Petrus hat diese Frage Jesus schon einmal gestellt, während des Abendmahls, als er davon gesprochen hat, dass er seine Leute bald verlassen werde. Die Antwort war zunächst rätselhaft: «Wo ich hingehe, dahin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen (Joh. 12,26).» Gemeint war natürlich nicht die Basilicata, aber dennoch eine Welt, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen (bzw. zurückgekommen) war …

[5] Vgl. dazu die Webseite http://www.castellodelmalconsiglio.it/7m/ – Link geprüft am 27.2.2018.

[6] Parco Nazionale dell‘Appennino Lucano – Val d’Agri – Lagonegrese, Parco Nazionale del Pollino, Parco Archeologico Storico Naturale delle Chiese Rupestri del Materano, Parco Regionale di Gallipoli CognatoPiccole Dolomiti Lucane. – Für weitere Informationen über die lukanische Biodiversität, Pflanzen und Tiere, die Parks und Angebote empfehle ich gerne diese Seite: http://natura2000basilicata.it/ – Link geprüft am 28.2.2018.

7 Gedanken zu “«Quo vadis?» – Das faltige Gesicht einer alten Landschaft voller Kontraste

  1. Hallo Michael, herzlichen Dank für Deinen einfühlsamen und anschaulichen Bericht. Wir waren gerne dort und immer wieder erstaunt über die Landschaft und deren vielfältigen Geschichte, so wie Du es beschreibst. Es ist ein ganz eigener Teil Italiens, diese Basilicata. Aufregend schön und wunderbar beruhigend.

    Viele Grüße von der Euböa, einem ruhigen Teil Griechenlands, auch mit vielen Gesichtern und langer Geschichte.

    Susanne und Peter

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    1. Vielen herzlichen Dank euch beiden. Das bedeutet mir sehr viel – insbesondere, da ihr selbst so eindrücklich erlebt und tief schreibt. Freue mich über euer Feedback! Liebe Grüsse nach Griechenland – wer weiss, wer von dort in die Basilicata damals eingewandert ist!

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      1. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es unter all den Gerichten der lokalen Küchen auch Traditionen gibt, die auf griechische Wurzeln zurückgehen. Man darf ja zum Beispiel auch nicht vergessen, dass Wanderungen auch später immer wieder stattgefunden haben – etwa die Albaner – auch aus diesem Gebiet. Aber ihr habt natürlich recht: Ohne Nudeln wäre das Leben sinnlos! – Übrigens, ihr seid meine erfahrendsten Leser/innen: Wenn ihr Fehler oder Ergänzungen seht, sehr gerne. Ich schreibe halt wirklich einfach aus Erinnerung, Notizen, wenig Recherchen, nach vielen Gesprächen etc. mir die Basilicata von der Seele. Vielleicht mache ich aus dieser Sammlung auch mal etwas Gedrucktes. – Buon appetito!

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      2. So machen wir das auch, schreiben was wir sehen und denken und erfahren. Da muss nicht alles objektiv richtig und vollständig sein. Wenn wir etwas Verständnis für die bereisten Länder und Fernweh erzeugen, dann mag das reichen. Übrigens finden wir es wunderbar wie Du schreibst. Jetzt gibt’s kein Nudeln sondern Original Nürnberger Rostbratwürste mit Sauerkraut. Liebe Grüße

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