Was ist Arbeit? – Eine Suche voller Fatica

Vor Jahren wurde ich einmal von einem zurückgekehrten Emigranten, der unterdessen als Bauer ausserhalb Pomaricos ein grösseres Stück Land bewirtschaftete, gefragt, womit ich – wörtlich – mein Brot verdiene. Er wollte also wissen, was ich beruflich tue. Die nur auf den ersten Blick banal klingende Frage und die Begegnung haben mich beschäftigt. Denn mir wurde wieder einmal klar: In einer Gesellschaft, die sich hauptsächlich dem Dienstleistungssektor verschrieben hat, legt man sich wenig Rechenschaft darüber ab, was eigentlich Arbeit ist, vielleicht wird man nicht gerne daran erinnert, dass man eigentlich entwurzelt und vereinzelt ist. Oder haben Sie eine innige, viszerale Beziehung zu ihrem Schreibtisch? Lieben Sie ihren Computer? Woran erfreuen Sie sich abends, wenn Sie ihn herunterfahren? Alles «Bullshit»? Nicht ganz; es scheint plötzlich angesagt zu sein, darüber nachzudenken, warum viele Menschen einen sogenannten «Bullshit-Job» verrichten und was das mit uns macht.[1]

Arbeiten müssen alle. Schon immer. Den (weltlichen) Beruf gibt es noch gar nicht so lange. Vielleicht sogar erst, seit die Reformatoren fanden, dass jeder mit seinen Begabungen einen Beitrag leisten könne. Es gibt in dieser Denkart keine heiligen Berufe mehr, aber Berufung wird heilige Selbstverantwortung. Bis zum Beruf nach heutigem Verständnis, verbunden mit mehr oder weniger freier Wahl, sollte es noch etwas dauern. Wie auch immer: Horaz war nicht der Erste, der über otium und negotium, über Arbeit und Musse, wohlgemerkt in privilegierter Situation, am Fusse des Vulture nachgedacht hatte.

Nun, ich habe dem Herrn, gut ein halber Meter kleiner als ich, mühsam, etwas radebrechend zu antworten versucht. Anhand seiner sich verziehenden Miene, die mir mitteilte, dass der Geist hinter den funkelnden Augen mir nicht folgen konnte und nur noch aus Höflichkeit zuhörte, erkannte ich, dass ich zu keinem guten Ende kommen werde. Auch ich bin höflich und möchte niemandem das Gefühl von Unterlegenheit vermitteln, sondern die Frage ernstnehmen, also weitererklären. Leider war ich zunehmend verunsichert, Italienisch fiel mir in jener Zeit auch noch etwas schwerer als heute, so dass er schliesslich den Gnadenschuss abfeuerte: «Nun, ich nehme an, das ist» – man höre: «auch eine Art Arbeit». Ich verdiene ja schliesslich Geld. Punkt. Zum Trost und Abschluss des Abends lud er mich nach einer Fahrt in seiner Ape auf sein Land ein – so eine Einladung macht den Besitzer und den Besuchenden stolz! Seither habe ich oft das bebaute Land, la campagna, besucht, um eben genau nicht über meine «Arbeit» nachzudenken. Das Sein sollte mich inspirieren. Und siehe da, Margheritas Sohn scheint etwas zu ahnen, als ich wacklig vom Haflinger-Pferd geklettert bin: «Du solltest arbeiten, la campagna tut dir gut, du blühst ja richtig auf.» Meine Freundin machte eine vielsagende Bewegung mit dem Mundwinkel.

Die Mühsal

Aber die Frage, was Arbeit sei, hat mich seither nicht in Ruhe gelassen. Dazu gibt es natürlich unzählige philosophische und andere Schriften. Dem Dialektwort, das man hier verwendet, fateje, entspricht das Italienische fatica – die Mühsal. Letztlich ist das sogar beim deutschen Wort Arbeit so, ursprünglich einfach die Mühsal. Eine dumpfe Erinnerung daran, dass der Mensch sich abmühen muss, nachdem er sich Paradies verspielt hat. Zunächst für den Broterwerb, später für Lohn. Als plötzlich alles zu kosten begann, nur noch mit Geld zu haben war und damit paradoxerweise der Niedergang der Arbeit langsam stattgefunden eingeläutet worden war.

Die Menschen hier haben das Recht von Mühsal, zu sprechen, wenn ich mir die alten Dokumentationen ansehe, die Erzählungen der einstigen Misere anhöre. Ich meine zu verstehen: Fatica ist die Energie, die es braucht, damit das Rad sich dreht. Über sich hinauszuwachsen war ursprünglich nicht vorgesehen, dafür waren die gesellschaftlichen Barrieren, die Fallhöhen zu hoch. Besser auf dem Boden bleiben. Und als der Boden noch bitterer wurde, Menschen wegwandern mussten, da erschloss sich den Terroni eine neue Welt: Plötzlich befreit, bestand die Möglichkeit für den, der es packte, etwas aus sich zu machen. Arbeit wird mehr als Broterwerb.

Wer wegwanderte, änderte auch den Blickwinkel, nicht zuletzt auf sich selbst. Das konnte Chance und Verunsicherung mit sich bringen. So kehren die einen auf halber Wegstrecke eines Arbeitslebens zurück, andere erst nach der Pensionierung, wiederum andere wollen von definitiver Heimkehr nichts mehr wissen. Wie denken sie über Arbeit und wie steht das zum konfliktträchtigen Diskurs des Vergleichens zwischen Hier und Dort, den man immer wieder führt: Kein Vorwärtskommen in diesem Italien.

Der sirenenhafte Rückkehrmythos

Mein Vater machte sich wie viele auf – und er hatte es geschafft, sich arbeitend zu entfalten – über das Ökonomische hinaus. Sonst wäre kaum aus der Asche des vollständig abgebrannten Hauses und seiner Werkstatt in so kurzer Zeit wieder ein blühendes Geschäft entstanden. Ein Lebenswerk entsteht aus einem selbst. Den Rückkehrmythos hat er mit Disziplin in Schach gehalten. Nur so konnte er den Sirenen wiederstehen, die ihn immer wieder mit den Waffen des Vergleichs zu blenden versuchten: «Da ist es doch besser.» … «Was isst Du denn den ganzen Tag?» … «Willst Du dich mit so viel Arbeit zerstören?» Das Heilmittel hat Papaleo in seinem Film doch angetönt: «Such dir eine Passion und verfolge sie bis zum Schluss.»

Etwas später hat mir ein Arzt von einem Italiener erzählt, der bei ihm in Behandlung war. Er hat den Namen nicht verraten, aber ich wusste sogleich, um wen es sich handelte. Er stammte ebenfalls aus dem Dorf meines Vaters und er klagte dem Arzt, dass er ein Nichts sei (ich erinnere an Levis Beobachtung: «Wir sind keine Cristiani»), er habe es zu nichts gebracht. Aber Mentes Sohn, der habe es geschafft. Was er damit meine? – Er sei nun etwas Besseres: «Er muss nicht mehr arbeiten …»

Ich war zwar kurz baff, konnte diese Aussage aber einordnen. Nur schon dahingehend, dass in dieser Kultur die Leute, die es in Büros, auf die Ämter geschafft haben, nicht selten ohne ihr eigenes Verdienst, versteht sich, nur allzu häufig ohne hohe Arbeitsmoral und schon gar nicht unter körperliche Belastung aufgewiesen haben. Neben dem Landadel gab es eben auch noch den Schreibtischadel – und mit diesem musste man und muss man sich mit verschiedenen Mittelchen und Methoden gut stellen. Dass die Leute auch Lohn bezogen, ist da zweitrangig.

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»: Ich finde es eindrücklich, dass ich ausgerechnet auf einer meiner Reisen in diesem Gebiet auf diese Frage nach dem Sinn und Wesen von Arbeit gestossen bin. Natürlich hinterfragt ein Mensch meines Wesens ständig, was er gerade tut. Und vermutlich auch, warum er es tut. San Rocco – der heilige Rochus – wird hier breit und hingebungsvoll verehrt und gefeiert, für das was er tat. Und wurde doch nie offiziell heiliggesprochen: Er half Pestkranken, aber am Schluss half niemand ihm. Noch heute zeigt er auf diese Wunde. Sein Lohn? Ein Hund brachte ihm Brot.

Keine Antwort und keine Frage

Ich vermute, dass es keine einheitliche Definition darüber gibt, was Arbeit eigentlich ist und sollte sie einmal kommen, dann erreicht sie uns zu spät, denn in der nächsten Zeit erwarten uns grundlegende Veränderungen.

Ich habe im Süden viele Menschen getroffen, die sich die Frage, was Arbeit ist, nie stellen werden. Denn Arbeit ist einfach das, was sie täglich spüren, la fatica. Einen Computer haben sie nie gesehen … Als ich mir diese Frage zum ersten Mal gestellt habe, sprach noch niemand von einer zunehmend digitalisierten Welt und der damit zusammenhängenden Problematik, ob es aus diesem Grund überhaupt für alle noch etwas zu tun geben wird, oder die Frage, wie sinnvoll eine Arbeit überhaupt sein soll …

So bin ich zwar Teil eines Systems, das von mir arbeitenden Einsatz fordert, aber das mir auch die Möglichkeit gibt, etwas von mir selbst einzubringen und zum Blühen zu bringen. Wie sieht das künftig in einer Welt der Einsen und Nullen aus? Welche Passion soll ich auf welche Weise verfolgen? Wird ein Roboter (was ja Arbeiter heisst) einst in die Basilicata reisen und sich existenzielle Fragen stellen?

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

[1] Vgl. dazu die Arbeiten von David Graeber.

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