Das Rad und der hässliche Basilisk

 «E tutto una ruota», pflegte meine Nonna zu sagen. «Alles ist ein Rad». Die alte Welt der Bauern war eine Welt der ewigen Kreisläufe. Meine Grossmutter wird aber heute noch zitiert, wenn meine älteren Verwandten sich mit Leuten treffen und sie sich gegenseitig das Leid des Alterns klagen, von Verlusten, Krankheiten und Todesfällen, der Fatica, der ewigen Mühen, aber auch von Ehen, Neugeburten erzählen, den Verlauf der Jahreszeiten kommentieren. Und das, obwohl auch sie längst aufgesaugt haben, was die Moderne predigt, dass man es zu etwas bringen, will heissen: ökonomisch gut situiert, zielorientiert zu leben oder zumindest den Anschein zu wahren hat. Ständiges Vergleichen, Eifersucht wirken heute teuflischer denn je, wenn man sich in den alten Gassen umhört. Magie wächst aus solchen Dingen, nur nennt es heute niemand mehr so. Die Folgen sind aber umso verheerender, vor allem für diejenigen, die dem Druck nicht standhalten können.

Die Rose der Fortuna …

Der Kreislauf, welcher die Geschichte, Mythologie, Aktualität und Ewigkeit zu einem Eins verschlingt, «è tutto una ruota» – alles ist ein Rad. Wer vor der Kathedrale von Matera steht, sieht auf ihrer Fassade das runde Deko-Element, einen sogenannten Rosone. Über ihm sitzt der Erzengel Michael. In kleineren Versionen findet sich diese Rose auch an anderen Häusern, an Lüftungslöchern, als Lichteinlass … – und als Souvenir. Es ist das umgedeutete Rad einer Göttin, das Michael hier übernehmen sollte: das Rad der Fortuna, das sich unentwegt dreht. Mal sind die einen oben, die anderen unten, mal hast Du Erfolg, von heute auf morgen kann sich das ändern. Die einen altern und sterben, die nächsten kommen nach. Besinnt man sich darauf, wird alles so viel relativer. Ich habe so viele alte Menschen erlebt, sie zwar klagen sehen, aber gleichzeitig haben mich viele damit beeindruckt, dass sie darauf geübt gewesen zu sein scheinen, dass es halt so ist, wie es ist.

Die alten Bauern fanden im Kreislauf Orientierung. Eine sinnige Orientierung, keine Religion, denn sie kommt ohne Machthaber und Institutionen aus. Obwohl die Welt der Bauern ständig mit Binden und Lösen beschäftigt war, aber dafür hatte sie vor allem Priesterinnen: Frauen, welche die alten Künste pflegten, es ist Sache der Frauen, die Beziehung zur Stimme der Natur und des Natürlichen aufrechtzuerhalten.

Die Bauern hatten mit so viel konkreteren Problemen und existenziellen Fragen zu kämpfen, sie lebten in einer engen Beziehung mit ihrer Natur, die ihnen auch die Antworten – den Sinn – lieferte. Trotzdem: Diese archaische, magische Welt scheint mir immer offen für die Integration neuer Elemente verschiedener Kulturen gewesen zu sein und so vermochte sie sich auch auf seltsame Weise Elemente des Christentums einzuverleiben, das hierzulande Formen annahm, welche die offizielle Kirche und ihre Institutionen mit Skepsis zu beäugen schienen.

Diese Welt geht nun aber wohl endgültig in die Geschichte ein. Geblieben ist das Bild einer hingebungsvoll religiösen Gegend mit vielen zelebrierten Traditionen. Wie sehr man von diesem Eindruck tatsächlich auf innere Haltungen schliessen kann, das sei dahingestellt.[1] Aber eines ist klar: Auch der Erzengel Michael hat das Rad nicht anhalten können. Das Gefühl des Ewiggleichen ist geblieben.

… und die Dornen des Fortschritts

Und heute? Nachdem Fortuna durch einen männlichen Protagonisten, Michael, ersetzt worden ist, überrollt ein zumindest grammatikalisch männliches Wesen die Menschen: Der wahre Gott heisst Fortschritt und er hat erst in jüngerer Zeit – nicht mit dem Schwert, sondern mit ökonomischen Verlockungen und mit viel Subtilität, mit dem Bösen Blick, der Abseitsstehende straft, – seinen Fuss auf diese Erde gesetzt. Sie hat gebebt, die Bauern von der Scholle entwurzelt und unzählige Seelen nach Norden und Übersee verfrachtet. Seither hat sich viel geändert – einiges scheint sich auch wieder rückwärts (oder eben um eine Umdrehung weiter) zu bewegen. – Wohin die Reise wohl heute geht?

Auf den ersten Blick tut sich einiges, damit die Gegend nicht unter die Räder kommt. Nicht nur rollen die Räder des Frecciarossa nun durch das Herz Süditaliens, es gibt unterdessen auch das moderne, weltoffene Lukanien. Doch bei genauem Hinhören begegnet man doch immer wieder dieser Klage, dass hier nichts zu wollen ist. Es sei immer ein beherrschtes Land gewesen, darum ist und bleibt es in den Köpfen so, sagte jüngst ein Cousin. Es habe sich in den Köpfen eingebrannt, dass man auf Hilfe und Änderung von aussen warte, beständig die Hilfe der Heiligen erfleht, nicht auf Politiker zählen, selbst schon gar nichts ausrichten könne.

Ist das so? Mein Cousin jedenfalls hat sich mit harter Arbeit eine eigene Existenz erschaffen, sich eine Arbeit erfunden, sagt er. Und doch fragt auch er sich immer wieder, ob und wie lange sich das noch lohnt, wenn rundum dieses schwarze Loch (nein, für einmal nicht das Öl im Boden), eine Mischung aus Resignation, Müssiggang und Lethargie, die Menschen bremst, während ihre Tage der Jugend unter der Sonne verbrennen.

Heilsame Blicke in den Spiegel

Ein vorgehaltener Spiegel kann tödlich sein – nicht im eigentlichen Sinn. Aber er kann Weltbilder, Einstellungen, Haltungen ins Wanken bringen. Muss alles so sein, wie es ist? Warum will man es nicht ändern? Man ist zwar nicht zufrieden, aber es ist trotzdem bequemer so. Klagen ist einfacher. Die Suche nach Schuldigen und Gründen, warum es nicht geht, sogar kreativ. Und wenn alle klagen, manifestiert sich der Thron immer wieder aufs Neue, dem man sich unterwirft. Plötzlich scheint er gottgewollt. Schwimmen mit dem Strom, auch wenn dieser trocken und ohne Leidenschaft ist, so viel leichter. Veränderung kann zum Abbruch von Brücken führen. Kurz: Veränderung ist anstrengend – und macht Angst. Die Ahnung vom Glück wird zum glücklosen Traum. Wenn Menschen Angst vor dem Glück haben, dann hat das Böse gesiegt.

Da nützt es nichts, wenn man ständig darauf hofft, dass der Erzengel Michael die böse Schlange unter seinem Fuss im Schacht hält. Diese lebendige Schlage hat mich schon oft fasziniert, und kürzlich bin ich darauf gestossen, dass es auch Darstellungen gibt, die Christus zeigen, der einen Basilisken zertritt. Ein merkwürdiges Fabelwesen aus Schlange und Vogel. Spätere Bilder zeigen ihn mit Füssen und Flügeln, bisweilen trägt er ein Menschhaupt. Was immer es mit diesem seit der Antike angstmachenden Mischwesen auf sich hat, es stirbt, wenn man ihm einen Spiegel vorhält. Wer seine Ängste, was ihn hindert, besiegen will, muss in den Spiegel schauen.

Die Basilisken

Reiner Zufall, dass das Mischwesen einen Namen trägt, der etwas an die Basilicata erinnert. Nebenbei: Einst herrschte in der Gegend ein Clan des organisierten Verbrechens, der sich I Basilichi nannte. Interessant aber, dass die Regisseurin Lina Werdmüller ihn als Titel ihres ersten Filmes von 1963 wählte: Der Inhalt von «I Basilischi» lässt noch heute aufhorchen:

Diesmal sind es nicht die Bauern Levis, sondern privilegiertere junge Leute in einem kleinen Kaff zwischen der Basilicata und Apulien, die Werdmüller in einer dokumentarisch anmutenden Geschichte zu Protagonisten macht. Ein Dorf, das praktisch nur aus Siesta, immer gleichen Abläufen, Klatsch und Tratsch über Nachbarn und viel Gerede über den Aufbruch in eine neue Welt, irgendwo jenseits der Hügel, besteht. Die Jungs versuchen sich erfolglos als Casanovas, sonst ist kaum Nennenswertes, was den Alltag durchbricht. Bis Antonio die Gelegenheit erhält, sein Studium in Rom fortzusetzen und bei seiner Tante zu wohnen.

Bei einem neuerlichen Besuch im Dorf berichtet er stolz von seinen Erfahrungen und ist willens, seine Brücken abzubauen – gemeint, sein Leben neu auszurichten. Doch irgendwie dampft diese schlechte Luft, diese mala aria, schneller als gedacht wieder aus dem Boden. Es dauert nicht lang, und er beginnt wieder alles auf Morgen zu verschieben und verfällt in die alten Muster. Seine Pläne verkommen zum Gerede, Chiacchiere, und Träumerei.[2]

Das war 1963. – Christus ist nicht mehr fern, auch in der Basilicata ist die Moderne angekommen, auch hier wirtschaftlicher Aufschwung und man kann etwas aus sich machen, wenn man will. Das Projekt scheint ehrgeizig, denn es heisst, Brücken abbrechen und unter Umständen den zurückgebliebenen einen Spiegel vorhalten. Das ist unangenehm und wird wohl manchem Emigranten bis heute in Erinnerung sein. Der eine oder andere löste es wohl damit, dass er das persönliche Streben und den Willen nach Selbstverwirklichung verhüllte: Man sei ja schliesslich gegangen, weil man arbeiten wollte. 1967 wandert mein Vater nach Norden. Er ist trotzdem Lukaner geblieben, aber er ist dem Schlund der Schlange, die ewig und gebetsmühlenartig in einer Dialektwendung sagt, zumindest für sich entronnen: «Was sollen wir schon tun?».

Der Wille zur Veränderung

Aber auch das Land kann sich ändern, wenn es will. Mit dem Eintritt der Moderne begann zwar das langsame Sterben der alten Bauernwelt und eines letzten Stückes Mittelalters inmitten Süditaliens. Aber wann zertritt Christus nun den Basilisken? Dieser scheint sich zäh zu halten. Den Spiegel mussten und müssen die Menschen selber in die Hand nehmen. Innere Brücken werden auch heute noch schwerer abgebrochen, während reale Brücken einstürzen, weil sich nichts zu ändern scheint. Trügerisch bleiben die Verlockungen der Schlange: «Geniess es, Mamma sorgt für dich, es ist alles weniger stressig.» Der Müssiggang als Droge, um den Wunsch nach Veränderung zu betäuben. Eingeübte Lethargie. Ein ewiges Träumen und Reden, bis man sich schliesslich ergibt und andere für ihr Träumen schlägt – mit den Waffen der Frustration. Und so ist etwas von jenem Rad, das sich ewig dreht geblieben. Ändern zu was? Nur der Blick in den Spiegel tötet das Monster der Lethargie.

Vielleicht hat die Moderne hier zu radikal umgepflügt. In der Begegnung mit den Spuren einer uralten agro-pastoralen Kultur inmitten des westlichen Strudels, der nun auch diese Gegend aufzusaugen droht, mit den Erinnerungen aus einer Familie, die noch vor zwei Generationen Teil der von Carlo Levi beschriebenen Realität war, habe ich viel über Echtheit, Ursprünglichkeit, das Mass der Dinge, über Kämpfe und Kontraste gelernt und eigene Lebenserfahrungen entsprechend besser verstehen können. In diesem Schatz steckt viel Potenzial.

Wer aus dem Kreislauf ausbricht, dem wird zunächst schwindlig und er irrt umher. Das gilt für die agro-pastorale Gesellschaft, die aus ihrem Kreislauf gefallen ist, ebenso wie für Menschen, die den beschleunigten Wahnsinn des Kapitalismus seelisch nicht mehr ertragen. Wo sind die Alternativen zu diesem sogenannten Fortschritt geblieben, jenseits von romantischen Vorstellungen, versteht sich. In einer Welt, die nur die eine Richtung, das Wachstum kennt, und so gar nicht über ein Zurück zu Wegscheiden, über Reduktion und Verlangsamung, Verzicht nachdenken will. Das Rad ist zum rasenden Rotor geworden.

Ich wünsche der Basilicata und ihren Menschen, dass sie bewahrt, was sie ist. Kulturhauptstadt, Tourismus, ein riesiger Schatz im Bereich der Önogastronomie, ein Land, das mit seiner Ursprünglichkeit Urgefühle des Menschseins weckt und einen über Alternativen des und zum sogenannten Fortschritt nachdenken lässt. Berührende Landschaften, welche uns daran erinnern, dass die Natur nicht nur Erholungsraum ist, sondern zu uns spricht, auch wenn wir nicht mehr mit ihr sprechen. Ich wünsche der Basilicata (Eigen-)Initiativen und Chancen für junge Menschen und dass diese jene auch ergreifen.

Die Basilicata ist unterdessen in der Moderne angekommen und versucht ganz offensichtlich die Balance zu finden zwischen der Bewahrung dessen, was Identität und Prosperität aus Tradition verspricht, mit Respekt für die eigene Vergangenheit, auf der einen Seite und dem, was es für eine moderne Gesellschaft und Wirtschaft braucht, auf der anderen Seite, ohne sich dabei selbst zu verraten und gänzlich zu eliminieren, nicht nur künstlich, folkloristisch aufrechtzuerhalten, was man ist. Und immer wieder ist da die Herausforderung, gegen diese merkwürdige Schwerkraft anzukämpfen, jene seltsame Kraft, die hier über Jahrhunderte gediehen ist und Veränderung wie fliessende Lava erstarren lässt und wie ein Schwarzes Loch jede Initiative und jeden Mut aufsog.

«Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu»: Ich liebe dieses Land, trotz und mit all seinen Defekten. Auch ich bin nicht perfekt und lerne, mich selber gerne zu haben. Aber: Kenne ich den Basilisken in mir? Die Ahnung lockt, immer wieder in den Spiegel zu sehen – aber dann?

E tutto una ruota?

Die Madonna zieht ihre Kreise – La Bruna von Matera

Ist es nur die Sonne, die derart gnadenlos brennt, so dass jede Bewegung die Konsistenz erstarrender Lava hat? Quasimodo hat von der erschlagenden Hitze, die zu Wahnsinn und Überdruss führt, gedichtet.[3] Doch trotz aller Hitze kann plötzlich auch viel Dynamik entstehen: etwa dann, wenn die Heiligen rufen, die Hüterinnen und Hüter der Erinnerung an die ewigen Kreisläufe. Alles nur ein Rad? Immer wieder zelebriert. Ausbrechen – zumindest ritualisiert statt leibhaftig Emigrieren oder innerlich, was dumpfe Resignation bedeuten würde.

Habe ich von der überwältigenden Heiligenfeier in Matera erzählt? Am 2. Juli finden eindrückliche Prozessionen der Hirten mit ihren Tieren statt, dann hat die Bruna, die hiesige Madonna, ihren Auftritt. Zwischen unglaublichen Menschenmassen zieht sie durch die beleuchtete Stadt auf einem Triumphkarren, den Meisterwerkstätten über das Jahr gebaut haben. Was für eine enorme Fatica! Und trotzdem vergängliche Kunst. Denn die Menge feiert und wartet nur auf einen Augenblick, lo strazzo: Vor allem Junge stürmen den Wagen und zerfetzen ihn in Stücke, schwingen Teile als Trophäen. – Natürlich gibt es verschiedene Erklärungen für diesen Vorgang. Mal erinnert man sich an die Sarazenen, denen man das gute Stück auf der Flucht nicht zurücklassen und gönnen wollte. Mal ist es der böse Fürst, der falsche Versprechungen machte. Indem man den Karren zerstörte, zwang man ihn, der Stadt einen neuen zu schenken. Vielleicht ist es aber einfach der Rest eines überschwänglichen Sommerfestes mit einer ganz existenziellen Bedeutung: Alles von vorne, alles ein Rad. Aber bedenkenswert, dass es die Jungen sind, die den Wagen in Stücke reissen!

Beitragsbild: Bruno Liccese, Pomarico

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!




[1] Selbstverständlich will ich an niemandes Glauben oder Spiritualität rühren und masse mir keine Urteile an. Eine gewagte These könnte aber sein, dass die Kirche heute nach wie vor eine politische Macht hat, indem ihre Zeichen zwar hülsenhaft, aber dennoch als Markierung für Zugehörigkeit, Partizipation in Gemeinde und Wirtschaft, für Beziehungen und Netzwerke verwendet werden. Die religiöse Deutungsmacht, wenn man ehrlich ist, ist für das Glaubensleben in den eigenen vier Wänden doch eher abnehmend?

[2] Der Film in voller Länge auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=oO8lWbZR8Rc.

[3] Das Gedicht in diesem Kapitel: «Die Tarantella – Tanz mit Leidenschaft und gutem Gewissen».

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