Leonardo und die Bohnen

 

Bohnen gehören seit Urzeiten zur ländlichen Tafel. So wollte ich eigentlich etwas über die unzähligen Bohnensorten schreiben und merkte bald: Hülsenfrüchte haben es in sich, und der Boden, der sie hervorbringt, erst recht. Auf dem lukanischen Boden wandelte einst Pythagoras – richtig, der mit dem Dreieck – und der hatte offenbar etwas gegen Bohnen. Ich wollte wissen, warum. Und da mich Mythen, Fabeln und Legenden interessieren, geschieht es, dass man bald beim Nachlesen wieder abschweift und anderes entdeckt. Ich schiebe mein bescheidenes Bohnenwissen also auf später.

Legenden und Geschichten bilden sich sogar erst in der Neuzeit. Das mag damit zusammenhängen, dass sich hier vieles im Dunkel der Geschichte verloren hat, die Basilicata dünn besiedelt ist und sich sehr lange eher in Randlage des allgemeinen Forschungsinteresses befunden hat. Und einige dieser Geschichten klingen wie kleine Sensationen – jedes Böhnchen ein «Sensatiönchen»?

Der Dracula-Code

Eine solche Geschichte finden wir etwa im Dom von Acerenza. Wer dieses kunsthistorische Denkmal betritt, kommt sich plötzlich wie in einem Roman Dan Browns vor: All die Zeichen, die darauf hindeuten, dass hier in der Krypta niemand geringes als die Tochter des walachischen Fürsten Vlad III., besser bekannt als Graf Dracula, begraben liegt. Die Rede ist von Maria Balsa, die 1481 als Mädchen von einer adligen Familie vom Balkan nach Neapel mitgenommen worden, sodann von König Ferdinand von Aragón höchstpersönlich adoptiert worden sei und schliesslich Graf Ferillo von Acerenza geheiratet hat. Nach einem Erdbeben soll die Edeldame Maria den Dom Anfang des 16. Jahrhunderts restauriert und Hinweise auf ihre wahre Herkunft hinterlassen haben. Eine abenteuerliche Geschichte.[1] Blutsauger gab es hier ja viele, aber eine direkte Verbindung zu Dracula ist schauerlich-schön und könnte dem Tourismus natürlich Aufschwung bieten. Sollte die These wahr sein, dann wäre der damit verbundene Drachenorden nicht der einzige Orden, der hier indirekt im Zeitalter der Renaissance seine geheimnisvollen Spuren hinterlassen hat – ein älterer Ritterorden, die Templer, bieten in Lukanien ebenso Stoff für Mutmassungen, Gerüchte und historische Romane.

Und noch da Vinci

A propos Legende und Renaissance: Die Basilicata ist trotz ihrer Randlage kunsthistorisch keine Terra incognita. Es ist klar, dass unter adligen Familien auf der ganzen Halbinsel reger Austausch herrschte und somit Meister aus dem Süden im Norden und umgekehrt wirkten. Vielleicht auch Leonardo da Vinci persönlich? 2008 tauchte in Salerno die Tafel von Acerenza auf, ein Bildnis eines weissbärtigen Mannes blickt einem entgegen. Es löste ein kleines Erdbeben aus, soll es sich dabei doch um ein Selbstportrait des grossen Meisters handeln! Zwar scheiden sich die kunsthistorischen Geister darüber bis heute, es scheint aber doch verbreitet in Richtung Zustimmung zu gehen. Das Museo delle antiche genti di Lucania in Vaglio, neue Heimat des Gemäldes, nahm dies zum Anlass, dem toskanischen Genie eine Ausstellung zu widmen.

Leonardo
Leonardo da Vinci: «Autoritratto di Acerenza». – Museo delle Antiche Genti di Lucania, Vaglio di Basilicata (Pz) – Foto: Ferruccio Cornicello, gefunden auf: http://www.famedisud.it/leonardo-e-il-presunto-autoritratto-di-acerenza-critici-e-tecnici-sempre-piu-orientati-verso-lattribuzione-al-genio-toscano/

Doch nicht nur das vermeintliche «Selfie» des Meisters («pinxit mea» liest man auf der Rückseite: durch meine Hand gemalt) gibt zu reden. Im Dörfchen Lagonegro ist man überzeugt, dass man dort das Grab der Mona Lisa hütet, was Florenz natürlich vehement bestreitet. Trotzdem hat man zu diesem Anlass auch dort ein Museum eröffnet.[2] – Wie die Dame dahin gekommen ist, liegt ebenso im Reich der Spekulationen und schönen Geschichten wie die Frage, ob sich da Vinci persönlich in der Basilicata aufgehalten hat. Warum auch nicht; vielleicht war der Renaissance-Gelehrte ja auf den Spuren des Pythagoras unterwegs. – So, damit hätte ich den Bogen zu den Bohnen gefunden. Weitere Geschichten gäbe es zwar noch einige zu erzählen, wenn ich nur schon an all die Legenden um die Briganten (Widerstand gegen den piemontesisch geprägten Nationalstaat) und insbesondere die Heiligengeschichten denke. Erst kürzlich hat man etwa entdeckt, dass der Heilige Franziskus auch in Pomarico ein Wunder vollbracht haben soll.

Wer hat Angst vor Bohnen?

Pythagoras mochte also keine Bohnen. Er soll regelrecht Angst davor gehabt haben. Was dahintersteckt, weiss man bis heute nicht. Der Philosoph und Mathematiker lebte in der griechischen Stadt Metaponto und gehört trotz intensivster Forschungen bis heute zu den rätselhaftesten Persönlichkeiten der Antike. Eine charismatische Figur, die sich vor Christus von Süden her gewissermassen Richtung Eboli bewegte: Er gründete im 6. Jahrhundert vor Christus eine religiös-philosophische Bewegung, die sich über seinen Tod hinaus nicht nur als geistliche, sondern auch politische Kraft an verschiedenen Orten in Süditalien bemerkbar machte; voller Widersprüche und mit viel Legenden behaftet ist das Wissen darüber. Ob das strikte Bohnen-Tabu der Pythagoreer mit deren mythisch-religiösen Lehren oder diätetischen Regeln verbunden war, ist unklar.

Nicht nur griechische Städte, sondern auch lukanische Stämme sollen den Pythagoreismus aufgenommen haben. Vielleicht auch Pomarico Vecchio, im regen Austausch zwischen mit dem griechischen Metaponto, zwischen den gleichen Flüssen Bradano und Basento gegründet? Wie auch immer: Ich bin froh – und die Lukaner wohl auch – darüber, dass der Bohnenfluch schnell vergessen gegangen ist. Denn die Küche hier ist seit alters her reich an Gerichten aus und mit Bohnen und anderen Hülsenfrüchten wie Linsen in allen Farben sowie schwarzen, weissen Kichererbsen und dergleichen mehr.

Segensreicher Reichtum

Man ist versucht zu sagen, dass Bohnen als so etwas wie das «Fleisch der armen Leute» gelten dürfte, ein segensreicher Energiespender für die hart arbeitende ländliche Bevölkerung. Und auch hier hat sich ein grosser Schatz an Traditionen bis heute bewahrt; Zubereitungen und Rezepte je nach Sorte: Ob roh, getrocknet, frittiert, zu Püree verarbeitet, in Suppen, gekocht, als Beilage, als Knabberei oder in einem eigenen Gang, die lukanische Küche bietet hier bis heute einen enormen Variantenreichtum, den es sich zu entdecken lohnt. Versuchen sollte man zum Beispiel gekochte Zichorien, die mit Saubohnen-Püree, getoastetem Brot und Olivenöl dargereicht werden. Und wer gerne auf die Suche nach lokalen Sorten geht, stösst bald einmal auf die Bohnen von Sarconi, darunter die mittlerweile mit der Herkunftsbezeichnung IGP geschützten Typen Borlotti und Cannellini.[3] Hier sind Bohnen gar geheiligt: Wie vielerorts in Italien werden lokale, sozusagen profane, den Heiligenfesten nachempfundene, Feierlichkeiten zu Ehren von ganz bestimmten Nahrungsmitteln abgehalten, sogenannte Sagras; in Sarconi findet Mitte August dann eben eine solche Sagra zu Ehren der Bohnen statt.

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Borlotti-Bohnen (Matera 2017, M. Mente)

Bohnen gedeihen gut auf diesen trockenen Böden und tun diesen wiederum gut. Die lukanische Küche wäre ohne sie nicht denkbar und ihre Ernte erfüllt die Menschen mit Dankbarkeit – meinen Vater auch mit einem Stück Heimweh, wenn er einzelne Sorten auch in der Schweiz anpflanzt. Bodenständige Menschen können in aller Seligkeit und mit dankbarem Gesicht an gekochten Saubohnen knabbern, bei angeregten Familiengesprächen türmen sich die geschickt im Mund vom Fruchtfleisch getrennten Schalen auf den Tellern. Bohnen haben es in sich und Pythagoras ahnt ja nicht, was er da verpasst hat. «Auch Engel essen Bohnen» – so hiess doch mal ein Film mit Bud Spencer.

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Püree aus Saubohnen mit gekochten Zichorien und Olivenöl in traditionellem Terracotta-Gefäss (Foto: M. Mente)

Und noch ein Gruss aus Troja

Übrigens: Ein Abstecher nach Metaponto, vielleicht in Verbindung mit der anderen grossen Griechenstadt Heraklea (Policoro) oder auf dem Weg zu einem Besuch Bernaldas auf den Spuren von Francis Ford Coppola, lohnt sich allemal. Wenn man sich für die Antike interessiert, kommt man an diesem Ort, wo sich Hannibal mit den Römern eine grosse Schlacht geliefert hat, auf seine Kosten: Interessante Überreste (Le Tavole Palatine) und ein reich bestücktes Nationalmuseum laden zu einem Besuch ein. In diesem Museum kommt man nicht nur den verschiedenen Völkern, welche die Basilicata besiedelten näher; sogar das sagenhafte Troja grüsst von Ferne: Epeios soll es gewesen sein, der das achaische Metaponto gegründet hatte – der Erbauer des Trojanischen Pferdes! Seine Werkzeuge seien in dieser Stadt gehütet worden. Alles in allem also eine Reise mitten in die klassische Antike.

Abkühlung findet man dann nach so viel Bildung an einem der Strandabschnitte des Lido von Metaponto. Ob mit oder ohne Bohnen im Proviant, das sei jedem selbst überlassen. Hier ist für mich die Focaccia Pflicht – sorry, liebe Bohne, ein anderes Mal.

 

 

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Das Nationalmuseum in Metaponto (2017, M. Mente). – Infos: http://www.polomusealebasilicata.beniculturali.it/index.php?it/183/museo-archeologico-nazionale-metaponto

 

 

[1] Dazu ein Artikel aus der Gazzetta del Mezzogiorno vom 11.8.2013: http://www.lagazzettadelmezzogiorno.it/news/notizie-nascoste/482266/la-figlia-del-conte-dracula-si-sposo-e-visse-ad-acerenza.html

[2] Zu den beiden Geschichten als Beispiel ein Artikel aus dem Mattino vom 14.7.2013: http://www.ilmattino.it/cultura/mostre/leonardo_da_vinci_monna_lisa_basilicata_museo-199744.html

[3] Vgl. dazu: http://www.basilicatanet.com/ita/web/item.asp?nav=fagiolidisarconi

2 Gedanken zu “Leonardo und die Bohnen

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