Wandernde Steine – Geschichte, Migration und ich

Im Süden Italiens lässt sich in der Landschaft lesen, was wir im Geschichts- und Lateinunterricht aus der Ferne nur wissend erahnen konnten: Der dünn besiedelte Boden Lukaniens ist geschichtsgetränkt. Ruinen und unzählige archäologische Stätten zeugen davon, wie seit Menschengedenken Siedlungen gegründet, verlassen und andernorts neu gebaut worden sind. – «Niemand war schon immer da» – immer wieder kommt mir dieser Satz aus dem Schweizer Landesmuseum in Zürich in den Sinn, der Titel des Teils der Daueraustellung zur Schweizer Geschichte, der sich der Migration widmet. Wo, wenn nicht hier, wird einem das ganz besonders bewusst. Italien wurde hier geboren. Völker und ungezählte Menschen, die unseren Kontinent prägen sollten, zogen bis zur Neuzeit hier durch und von hier los.

Pomarico Vecchio

Im Sommer 2016 stand ich seit vielen Jahren wieder einmal auf der Anhöhe vor den letzten noch sichtbaren Fundamenten einer Siedlung, die man heute «Pomarico Vecchio», altes Pomarico[1], nennt. Wer weiss, wie die Menschen ihr Zuhause damals nannten. Ich atme tief ein. Eine Ahnung, dass hier meine Vorfahren lebten. Woher sie kamen? Es war wohl zuletzt eine Gemeinschaft der Lukaner – ein italisches Volksgemisch mit dunkler Herkunft und verwirrender Annahmen: Waren es eingewanderte Lyker aus Kleinasien, eher Osker, waren es Samniten aus Mittelitalien oder andere? So oder so: Wanderung. Eine Siedlung, die vermutlich schon vor dem 5. Jahrhundert vor Christus errichtet worden ist (mindestens zweite Hälfte des 6. Jh.). Und sie waren nicht die ersten, die hier lebten! Unzählige, teils sagenhafte Völker waren schon vor ihnen hier durchgezogen, haben Spuren hinterlassen und sich durchmischt. In dieser Zeit, vor gut 2500 Jahren, begannen die Lukaner die in Süditalien verbreiteten Enotrer zu überrennen. Die Lukaner stiessen hier in ein Gebiet vor, das man das «Grosse Griechenland» nennt – Magna Graecia. Mich schaudert jedes Mal, wenn ich in Metaponto die Hinweistafel für ein Touristendorf sehe, das sich heute so nennt. Der Name bedeutet so viel mehr: Mit Ehrfurcht habe ich schon öfters am Strand gestanden und mir in die Ferne blickend, jenseits der Kräne Tarantos, Geschichten und Menschen vor dem inneren Auge ausgemalt, wie Schiffe hier nach tagelanger und gefährlicher Überfahrt an Land gekommen sind, mit dem Auftrag, alles hinter sich zu lassen und hier zu siedeln. Damals gab es keine Küstenwache und Einwanderungsbehörden, die über Bleiben oder Nichtbleiben zu entscheiden hatten, schon gar kein Europa ..

Die Frage, woher die Enotrer kamen, ist umstritten. Einige sagen, es sei ein autochthones Volk, andere sagen, auch sie kamen aus Griechenland; einige Quellen verorten die Herkunft ins sagenhafte Arkadien, auf den Peloponnes. Ich habe mal gelesen, dass tatsächlich schon im 16. Jahrhundert vor Christus ein indogermanischer Volksstamm Süditalien besiedelte, der regen kulturellen Austausch mit dem mykenischen Griechenland pflegte. Von den vielen namenlosen Menschen, Stämmen und Völkern in prähistorischen Zeiten ganz zu schweigen. Pomarico Vecchio liegt in der Gegend, in der die Choner lebten – verwandt mit den Enotrern oder ein eigener Stamm; auch hier bin ich alles andere als Experte.

Die späteren griechischen Siedler, die ab dem 8. Jahrhundert vor Christus eine Polis, einen Stadtstaat, nach der anderen hier in der Magna Graecia gründeten, nannten das Gebiet der Basilicata und Kalabriens Oinotria – «das Weinland». Ein König der frühen Enotrer soll Italos geheissen haben. Oinotria und Italia – Italien entsteht im Süden

Nach und nach wurden die Enotrer, wie auch die Choner, von den Griechen ins Landesinnere zurückgedrängt – die griechischen Befestigungen bei Pomarico Vecchio deuten auf den «Clash» der Kulturen; es folgte die Durchmischung: Schliesslich wurden sie Hellenen. Der Aglianico – die hellenische Traube – wandert ein.

Die Steine ziehen weiter

Da stehen wir also in Pomarico Vecchio und die ganze antike Geschichte zieht an einem vorüber. Wo sind die Steine hin? Wohl wie bis in die jüngste Zeit: Immer wieder verbaut. Manches Haus in den Dörfern dürfte Geschichten darüber zu erzählen wissen, woher seine Steine stammen. Menschen wandern – und mit ihnen die Steine. Lukaner waren sie also. – ihrerseits nach und nach hellenisiert durch den regen Kontakt mit den griechischen Städten. Und dann kamen die Römer: Castro Cicurio wurde auf dem Boden des heutigen Pomarico errichtet (auf dem Campanaro). Ein Lager, womöglich ursprünglich auch einst ein griechischer Stützpunkt, der nächsten Weltmacht. Auch in Pomarico angekommen.

Die Einwohner von Pomarico Vecchio gaben ihre Bleibe aber erst später auf, und man sagt, sie seien auf den Hügel gegenüber gezogen – dahin, wo sich heute die Altstadt befindet. Man sieht von der Ruinenstätte zum heutigen Dorf rüber. Auch dort stiessen sie auf einzelne griechische Siedlungen und durchmischten sich mit deren Nachfahren. Ich habe mir ausgemalt, was sie hier an Panorama, Weitblick bis an die Küsten, aufgegeben haben. Irgendwann vor 850 nach Christus, nachdem das Städtchen mehrere Male von Sarazenen überfallen worden ist. Es ist die Zeit, in der an vielen Orten in Süditalien sich die Siedlungen von den Meeren weg auf die Hügel und Berge flüchteten.

Über das Wasser und mit allen Wassern gewaschen

Und so geht die Geschichte weiter – es streicht viel Zeit, es kommt viel Wanderung und Durchmischung über die Landschaft. Was wurden hier Kriege und Kämpfe ausgefochten, Intrigen, Verschwörungen, Fehden und Revolten ausgetragen. Um nur die grossen Linien aufzuzeigen: Nach den Italischen Völkern, den Griechen unterschiedlicher Zeiten, den Römern folgt das Mittelalter mit unzähligen Veränderungen. Da ist ein Rest von Ostrom, Byzanz, es erscheinen die Sarazenen, Araber, die Langobarden, die Wikinger, Normannen, die Staufer (Frederico!), französische (die Anjou) und spanische Königreiche (Aragón), die Habsburger, die spanischen Bourbonen. Bis heute sind zudem albanisch geprägte Siedlungen (gli Arbëreshë) vorhanden; Menschen, die seit dem Mittelalter in verschiedenen Wellen eingewandert sind. In diesem Zusammenhang sind auch andere Gruppen aus dem Balkan nicht zu vergessen: die Schiavoni sind serbo-kroatischer Herkunft. Und zuletzt folgten die Piemontesen, die später alle zu Italienern machen; der Norden entdeckt den Süden. – Kurz: ein von zwei Meeren benetzter Landstrich, der mit allen Wassern gewaschen ist, und das noch fast wörtlich, indem die Basilicata auch durch die verschiedenen Religionen geprägt worden ist. Seit dem Mittelalter durch die Christen unterschiedlichster – zunächst byzantinisch-oströmischer, aber auch basilianischer, sodann katholischer – Prägung, durch all die Ritterorden, Klöster und Kirchen, ja auch durch den Islam mit den Arabern. Überlagerungen und Durchmischungen auch in diesem Bereich, von den ältesten (vielleicht sogar matriarchal organisierten) Völkern bis zum modernen Staat. «Niemand war schon immer da» – und nie blieben alle hier.

Was habe ich mich schon oft gefragt, wie viel Blut vermischt in mir fliessen mag, wenn ich vor diesen Steinen sitze – und wie viel Blut auf diesem Boden dafür vergossen worden ist. Und Tränen … – schon damals, wenn es Abschied zu nehmen galt. Ich habe gelesen, dass die italischen Völker ein Ritual vollführten, den «Heiligen Frühling» (ver sacrum), wenn es darum ging, Leute für eine neue Siedlung zu auszusuchen und aus ihrer Gemeinschaft loszuschicken. Heilig heisst wohl: Kein zurück, aber viel Glück! Ein Los traf auch die Griechen. Blut und Tränen, von den Toten ganz zu schweigen. Und zuletzt die immer wiederkehrenden Tränen der immer ausgewanderten und immer wiederkehrenden Menschen, die das Land in alle Welt bis in die jüngste Zeit verlassen haben.

Steine wandern. Einige bleiben zurück. Da gibt es in der Basilicata auch die wachsenden Ruinen – Altstädte, die ausbluten und verfallen, weil andernorts neu und modern gebaut worden war, die Menschen steigen wieder von den Bergen herunter, (im Falle Pomaricos etwa das neue «Quartiere Aldo Moro») – und weil Menschen ausgewandert sind.

Craco

Einige Steine bleiben zurück: In Geisterstädten steht der Fluss der Zeit wie langsam erkaltende Lava stehen. Craco!

Craco ist wie das 55 Kilometer entfernte Matera eine sehr alte Siedlung, die in einen Felsen geschlagen worden war. Viele auf Bergen und Hügeln liegende Dörfer, wie etwa auch Pomarico, haben hier ähnliche Probleme: sie rutschen ab. So wurde Craco bei einem Erdrutsch stark beschädigt und musste 1963 schliesslich evakuiert werden. Einige Leute blieben und klammerten sich an ihren Berg, doch mit dem schweren Erdbeben von 1980, das vielen Lukanern im ganzen Gebiet noch heute das Blut in den Adern gefrieren lässt, gab man die ganze Altstadt auf.

Die verlassene Ruinenstadt ist heute Touristenmagnet und wie Matera berühmte Filmkulisse: «Ein Quantum Trost» (James Bond), «Die Passion Christi» von Mel Gibson, um nur ein paar Titel zu nennen. Craco, ein Mekka für Fotografen, die verlorene Orte suchen. Eindrucksvoller Charme und Charisma einer città fantasma, einer Geisterstadt.

Und von Geistern können die Steine dieses Landes so viel erzählen – denn tatsächlich: niemand war schon immer da – und eine neue aktuelle Einwanderungswelle, heutzutage als Flüchtlingskrise bezeichnet, wird neue Geschichten erzählen …

Das alte Craco
Bild: Craco. Aus Wikipedia: Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird Idéfix~commonswiki als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). – Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird angenommen, dass es sich um ein eigenes Werk handelt (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben)., CC BY-SA 3.0, Link

 

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

[1] Heute gut zu erreichen, da mit einem Fussweg erschlossen, an der Strasse von Pomarico, geschätzte 12 Kilometer vom Zentrum ausgehend Richtung Bernalda (Hügel San Giacomo). – Allerdings scheint mir die Hinweistafel eher zu Verwirrung zu führen, denn diese erzählt die Geschichte der Siedlung etwas anders. Es tauchen immer wieder Verwirrungen auf, ob Castro Cicurio und Pomarico Vecchio dasselbe bezeichnen, was ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Castro Cicurio, das römische Lager, befindet sich auf dem Hügel Campanaro, späteres Gebiet des Klosters von Montescaglioso. Dieses wurde um 1400 endgültig zerstört, worauf die dortigen Bewohner auch Richtung heutiges Pomarico gezogen sind (Rione Casale dei Greci – heute Piazzetta Matteotti, im Dialekt: ‘a kiazzoddə).

Ein paar Notizen über Pomarico Vecchio:

Artikel auf Treccani-online: hier

 

4 Gedanken zu “Wandernde Steine – Geschichte, Migration und ich

  1. Wunderbar geschrieben. Auf unsere Reise durch den Süden Italiens wurde mir die wechselvolle Geschichte dieses Landes erst richtig bewusst (Thema im Geschichtsunterricht was es nicht, oder ich habe wieder einmal geschwänzt) ist es doch die Wiege unserer europäischen Kultur. Dabei viel mir immer ein: „Alle waren schon einmal hier.“

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