Wahrzeichen am Himmel: Vögel

Frühling 2017 habe ich die in Matera gedrehte Krimi-Reihe «Le Sorelle» auf RAI verfolgt, die der Stadt zu einem weiteren Bekanntheitsschub verholfen hat, und – wie bei allen Verfilmungen in Matera: Unsereiner schaut sie sich zunächst wegen des Wiedererkennungseffekts an. Man achtet auf Häuser, Lokale und Gassen, allenfalls sogar Darstellerinnen und Darsteller, die man vor Ort rekrutiert hat. Und siehe da, diesmal habe ich eine weitere Dimension entdeckt: Ich achte sogar auf Töne. Wenn man eine Gegend mit allen Sinnen kennt (von den Düften reden wir ein andermal) und gewisse Dinge wiedererkennt, dann kann man vermutlich wirklich behaupten, dass man hier (auch) zu Hause ist.

Unter den Tönen sind es vor allem die Vogelgeräusche, die mir etwa bei den gelungenen Aufnahmen von der Landschaft und den Sassi, insbesondere im Drohnenflug, aufgefallen sind. Zunächst waren es die kurzen Rufe von Raben und dieses so typische darauffolgende Echo, das sich in Matera – und manchmal auch in anderen Dörfern in dieser Gegend – die Stille durchschneidend hören lässt.

Plötzlich fällt dem Reisenden die hörbare Vielfalt auf und es wird dem dauerbeschallten Ohr aus dem Norden wieder einmal bewusst: Ob Raben, Spatzen, der lustige Wiedehopf («upupa»), Eulen und viele andere Himmelsbewohner, die man Tag und Nacht bewundern und belauschen kann: Vögel gehören zur Szenografie der Landschaft einer bestimmten Region.

Wie oft stand ich staunend unter einem Baum, in dem scheinbar tausende kleiner Vögel in einem schwirrenden und schnatternden Durcheiander beisammen waren. Zu einem lauen Abend in Pomarico gehören diese sonderbaren kurzen Rufe dieses einen Vogels, den ich bis heute nie gesehen habe – und doch würde ich ihn vermissen, würde er sich nicht mehr bemerkbar machen, wenn ich auf dem Castello sitze und in die mondbeleuchtete Ferne blicke.

Eine besonderer Begleiter: der Rötelfalke

Vögel sind seit je Begleiter der Menschheit. Die Zeiten, wo man sich ein Sackgeld mit der Jagd nach Singvögeln verdient hatte, wie mein Vater oft erzählte, sind vorbei. Heute verbindet sich der Artenschutz mit dem Bewusstsein, dass auch die Natur zum Erbe einer Region gehört. So erlebt Matera seit einiger Zeit nicht nur selbst eine Renaissance, sondern die Stadt hat ihrerseits einen althergebrachten Begleiter wiederentdeckt: den bedrohten «falco grillaio».

Dieser zierliche Raubvogel – deutsch Rötelfalke (Falco naumanni) genannt – brütet in der Gravina und auch um den künstlichen See Diga di San Giuliano, vor allem aber auch in perfekter Harmonie mitten in der antiken Stadt. Er ist ein Gast, der jährlich das Mittelmeer überquert, und er gehörte schon immer in dieses Gebiet – Montescaglioso und Matera gehören heute zu den wichtigesten Populationszonen Italiens.

Der Jäger am Himmel ist schon längst zum Wahrzeichen der Murgia geworden und bringt mich oft dazu, kurz meinen Blick am Himmel zu behalten und seinem kreisenden Flug zu folgen. Sein sogenannter Rüttelflug fasziniert. Elegante Freiheit – auch du sähst nicht und erntest nicht…

Und mit etwas Glück – das werde ich nie vergessen – sieht man in der Sommerzeit, selbst im Dunkeln, ganze Schwärme von Jungfalken ihre ersten Flüge über der Stadt machen. Man wollte gerade hier gerne mitfliegen. Mit dem Gefühl der Leichtigkeit eines elegant und zielstrebig manövrierenden Vogels über dieser zerklüfteten Schlucht der Gravina und der Murgia-Ebene, Staunen und Schweben über dem einst so schweren und kargen Leben der Menschen dort unten …

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

Mehr zum Falken  hier (Italienisch) oder auf Wikipedia.

Ein wunderschöner Dokumentarfilm (italienisch) über die Falken in Matera.

Falco naumanni, Israel 02.jpg
Von מינוזיג – MinoZigEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

3 Gedanken zu “Wahrzeichen am Himmel: Vögel

  1. Dieser Rötelfalke, dachte erst ein anderer Name für Turmfalke? Doch nein wie ich nachlesen konnte, er ist kleiner als der Turmfalke und eben nistet in wärmeren Gebieten… wie Matera zum Beispiel. und Matera wie diese Stadt liegt, eindrücklich auch die Bilder im Dokufilm aus dieser Stadt und der Landschaft!

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s