Nonnas Pantoffeln – Tod auf Lukanisch

«Ich friere. Ihr habt vergessen, mir meine Lieblingsjacke in den Sarg zu legen.» … «Aber keine Sorge: Morgen wird Giovanni sterben; gebt ihm die Jacke mit.» – Schweissgebadet, schwer atmend schreckt Margherita auf. Was für ein Traum. Annunziata ist gestern beerdigt worden. Eingemauert in einer Wand voller Grabnischen. Margheritas Mann dreht sich im Bett. «Was ist los?» – «Nichts, schlaf weiter.» Margherita würde sich hüten: Man erzählt schlechte Träume nicht vor Sonnenaufgang. Aber sie weiss, was zu tun ist. Das wissen Frauen hier immer, denn das Religiöse, auch das ganze Trauer- und Totengeschäft ist ihre Sache. Ob es den Priestern passt oder nicht.

Mitleid und Trauer

Der nächste Tag war dann tatsächlich der letzte: Der im Traum erwähnte Nachbar starb. «Armer Giovanni». Etwas meine ich in den Trauerklagen und Ritualen im alten Lukanien festgestellt zu haben: Man trauert gemeinsam, geht viel offener damit um als im Norden, zeigt Anteilnahme, aber man bringt deutlich zum Ausdruck, dass man auch Mitleid mit dem Toten hat. Vielleicht liegt das daran, dass man es sich in einem Land der Entbehrungen, Seuchen, Krankheiten, hoher Kindersterblichkeit und anderen Kalamitäten gewöhnt ist, dass das Schlechte, der Tod, jederzeit über einen kommen kann. Mitleid hat damit auch etwas Vorsorgliches. «Gesundheit», sagt man, wenn jemand niesst, auch hier. Ich habe mich immer gefragt, ob man einem das wirklich wünscht, was durchaus sein kann, gleichzeitig aber noch im Wunsch etwas Apotropäisches verborgen ist: eine Handlung, mit der man Unheil von sich wendet. «Steck mich nicht an.» Der Tod wird beklagt, aber er muss – in geordneter Weise – seinen Weg gehen, aus der Gemeinschaft raus. Das Ganze rasch und, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ebenso undramatisch wie bei uns.

Zunächst: Die Jacke der am Vortag Verstorbenen wird selbstverständlich zu den Nachbarn gebracht. Tote sind sehr fordernd, man widerspricht ihnen nicht. Ein Plätzchen wird sich im Sarg schon noch finden lassen neben all den Beigaben, die Giovanni in das andere Leben begleiten sollen. Früher gab man noch alles Mögliche mit; was heute davon geblieben ist, weiss ich nicht. Amulette, wie sie früher viele trugen, seien abgenommen worden, damit der Todeskampf nicht länger als nötig dauere, dafür Ausweise und andere Gegenstände mit Bedeutung beigefügt.

Beigaben

Solche und ähnliche Geschichten habe ich viele gehört und manchmal hat es mich gefroren. – Wenn schon im Leben, so ist erst recht das Lebensende und alles, was damit zusammenhängt, bedeutungsvoll und hier scheint, wenn auch langsam verstummend, immer noch einiges von jenem altem, mit dem Katholizismus auf merkwürdige Weise verheirateten Volksglauben dieser Erde auf, die von dauernder Furcht, dem Schrecken vor überall lauerndem Zauber, von Magie getränkt, von Hexen und Geistern bewohnt ist. Die Moderne räumte und räumt auch hier erst nach und nach aus, was das Christentum nicht vollständig vertreiben oder überschreiben konnte.

Dem Werden und Vergehen begegnet der Mensch mit Ritualen, damit man sich damit konfrontieren und das Ganze bewältigen kann. Der Mensch vervielfältigt sich im Ritual. Der Tod und die Toten sind in solchen alten Kulturen sehr präsent und es braucht angesichts lange sehr hoher Sterblichkeit doch Mechanismen, dass die Gesellschaft funktioniert und sich nicht von ständiger Trauer und Angst vor dem Sterben lähmt. – Und eben nicht noch mehr Unheil auf sich zieht.

Lustigerweise, das nebenbei, schwebt als hoffnungsvolle Alternative zur linearen Vergänglichkeit und einem gepredigten Jenseits als Ziel aller Anstrengungen die Vorstellung der Wiedergeburt auf eine überraschende, vermutlich auch kaum mehr bewusste Weise, mit. – Neugierig?

Die Schnecke und das Telegramm

Da muss ich etwas ausholen: Meine Grossmutter mochte die kleinen Schnecken mit Häuschen und verstand es, sie wohlriechend zu kochen. Auch heute noch sind viele Leute aus dem Häuschen, wenn diese selten gewordene Speise auf den Tisch kommt. Damals eine Alternative für arme Menschen, zu Protein zu kommen. Die Cucina Povera war auch hier fantasievoll, wenn es darum ging, das Ganze schmackhaft zu gestalten. Nachdem sich die Tiere einige Tage in Mehl gereinigt haben, werden sie mit einem Tomatensugo und einigen Geheimnissen gekocht und dann geduldig mit der Nadel gegessen. In den Sinn kamen mir die Schnecken wieder, als ich in Matera über die Murgia-Ebene, vorbei an Grabstätten der Bronzezeit und Resten alter Wohnstätten marschierte, die Beine vom harten Gras zerkratzt und unzählige weisse Häuschen an Halmen geklammert sah. Die Menschen, die hier lebten, werden sie hampfelweise abgelesen und verspeist haben. Und vielleicht stammt aus ihrer Zeit die Bezeichnung für diese Tiere, welche bis heute gemäss Dorfbibliothekar von Pomarico im Dialekt der Gegend überlebt hat: Cazz’aveul – kein Wort, sondern ein Satz ist es; auf Italienisch: caccia l’aveola. «Sie jagt das Grossmütterchen heraus», etwa so könnte man das übersetzen. – Ein Hinweis auf totemische Vorstellungen, die sich mit der Schnecke verbinden? Wenn sie aus ihrem Winterschlaf erwacht, den Deckel öffnet, da reckt die Schnecke – das zerknitterte Gesicht einer Grossmutter eben – ihren Kopf blinzelnd ein erstes Mal wieder ans Licht: Wiedergeburt. Nicht nur als Zeichen, sondern in der Vorstellung auch ein Versprechen, dass es eben wirklich so war.

Wenn in unserer Familie oder im Bekanntenkreis im Süden jemand verstorben war, kommt die Schnecke nur bildhaft zum Zug: wenn es um die Schneckenpost geht. Kondolieren muss man persönlich. Ein Brief ist nicht jedermanns Sache und war eben per Post zu lange unterwegs, um rechtzeitig die Kondolenzbotschaft übermitteln zu können, denn die Regel sähe eigentlich vor, dass die Beerdigung innerhalb 24 Stunden erfolgen müsste. Ein kurzes Telefonat lag angesichts der damals noch hohen Preise gerade noch drin, wenn ein Telefon am anderen Ende vorhanden war. Aber dann bewegte man sich auf die Post und schickte ein Telegramm mit ein paar Worten. Ein Telegramm – auch etwas, das in dieser Form unterdessen gestorben ist. Telegramm, das war für mich meistens mit Lebensereignissen, allen voran dem Todesfall, verbunden.

Lamento als Trauerarbeit

Alles andere als Telegrammstil war die Trauerarbeit trotz kurzer Zeit von Tod bis Beerdigung, welche zunächst im Kollektiv zu leisten war. Bis zur Jugend unserer Väter galt noch eher als heute: Man darf sich von solchen Einschnitten wie gesagt nicht aufhalten und lähmen lassen. Das harte rurale Leben erforderte jeden verfügbaren Einsatz. Darum wurde auf mehrere Schultern verteilt und expressiv ein kollektives Gefühlsbad ausgetragen: Bis noch vor einer Generation, mein Schwiegervater Michele erzählt davon, waren neben den Betroffenen zusätzlich eigens engagierte Frauen, sogenannte «Klageweiber», zugegen, welche das Leiden stellvertretend, theatralisch überhöht und in zum Teil bizarr anmutenden Gesten übernahmen.

Die Vorstellung mag einen etwas frösteln. Wie sich Frauen im Haus und im Trauerzug vor Schmerz die Haare raufen, auf die Brust klopfen, gestikulieren, sich auf den Sarg werfen, den Priester mit ihren Gesängen und Rufen übertönen. Es sind die Frauen, die das Ganze beherrschen. Rational betrachtet, fasziniert es aber dann doch. Heute –  der Preis des sogenannten Fortschrittes? – ist Trauer etwas sehr Individualisiertes geworden und die Expressivität alter ruraler Kulturen (man denke an die Mütter im Nahen Osten) ist weitgehend zugunsten von isolierter Trauerarbeit verstummt.

Die Psychologen sortieren diese Trauerarbeit des Einzelnen in verschiedene Phasen, in welchem einen verschiedene Gefühle überkommen können: eine Art Schock und Leugnen, dann ein Karussell von Wut, Verzweiflung, Schmerz; schliesslich folgt die Erinnerung und der Abschied, im Idealfall dann der Aufbruch – das Leben muss weitergehen. Ein wenig erinnert die Arbeit der Klageweiber doch daran, denn es geht meiner Meinung nach genau um das und die alte Bauernkultur wusste das: Alles muss raus, das Wechselbad der Gefühle muss durchlebt werden, damit man sich wieder zum Dorf zurückwenden kann.

Der Lamento Lucano

Zunächst kommt in Gesang und Gestik der Schmerz über den Verlust zum Tragen. Aber dann, so höre und lese ich: auch Vorwürfe, der Tote wird angegangen. Etwa von Kindern, die ihre Mutter beschimpfen, dass sie einfach so gegangen ist, eine Frau, die sich fragt, wer denn nun das Gekochte isst und überhaupt sich nun um sie kümmert und so weiter. Trotzdem wird der Verstorbene sodann auch gelobt und die guten Erinnerungen aufgebracht.

Ethnologen wie De Martino und andere sind dem Phänomen des Lamento Lucano dokumentarisch begegnet. Ein klammes Gefühl beschleicht einen, wenn man diese Filme betrachtet. Zum Beispiel in jener exemplarisch gewordenen Szene des Dokumentarfilms «Magia Lucana» aus dem Jahr 1958, in welcher drei Frauen zwischen den Dünen, den Calanchi, um einen Sarg tanzen, singen, klagen, mit Taschentüchern über den Sarg wischen, auf ihn klopfen. Die Männer stehen abseits, stumm, etwas unbeholfen, mit der Trauer für sich allein.

Der Trauergesang von Pisticci etwa galt unter Forschenden als einer der interessantesten und besonderen in Süditalien.


 

Reinschauen: Beispiel einer Trauerszene im Freien. «Lucania Magia» von Luigi di Gianni, 1958. Die Szene ab ca. Minute 10:50, zu finden auf Youtube:

 

 


Die Trauergesänge sind wie die «Klageweiber» – soweit ich es sehe und erzählt erhalte – unterdessen verstummt. Wenn jemand unvermittelt stirbt, durch Unfälle und Krankheit, zu jung, allen voran Kinder, dann kann das Klagen zumindest der Betroffenen ohne weiteres noch einmal etwas expressiver werden.

Da und dort habe ich noch Klagen gehört, die fast einem Singsang glichen. Nach der Beerdigung ist die Trauer natürlich nicht abgeschlossen. Bis vor kurzem trugen Frauen jenseits der fünfzig schwarze Tracht zum Zeichen ihrer Witwenschaft. Dass man trauert, zeigte man ein Leben lang. Darum auch nicht zu vergessen auch das individuelle Lamento: Trauer- und Klagegesänge, die als sogenannte Nenia, in immer gleichem an- und abschwellenden Singsang, wie vermutlich seit Urzeiten und aus dem Osten importiert, am Grab oder im Stillen gesungen wurden.

Auch wenn heute viel Ausdruck verloren gegangen ist, hat mich der Umgang mit dem Tod und den Toten hier im Süden doch immer noch nachhaltig beeindruckt. Noch heute ist das Ganze vielerorts mit überlieferten Konventionen verbunden, die es einzuhalten gilt.

Der Campo Santo – eine Stadt für die Toten

Man lebt mit den Toten in dieser Gesellschaft, und doch sollen sie dort bleiben, wo sie hingehören. Auf dem abgelegenen Campo Santo, dem Friedhof sind sie nun zu Hause, wollen aber regelmässig besucht werden. Und niemand will selbstverständlich der Nächste sein, den es trifft. Das «memento mori» – überall der barocke Drohfinger, der daran erinnert, dass man sterblich ist (als ob das die bäuerliche Welt nicht ohnehin schon immer wusste). Und überall Zeichen und Vorboten.

Ich erinnere mich gerade an das amüsante Bild: Eine alte Frau, die mühsam, aber energisch mit dem Besen über ihrer Eingangstür herumfuchtelt und Drohungen ausspricht. Bei näherem Betrachten: Eine Eule oder ein Käuzchen hat es sich auf dem Dach bequem gemacht. Ein Todesbote! Ich meine sogar zu verstehen, dass sie den Vogel auffordert, ein Dach weiterzuziehen. Einige Nachbarn spähen skeptisch aus den Behausungen.

Irgendwann trifft es jeden. Das wissen auch hier alle und einige sorgen vor. Meine Grossmutter wusste Jahre voraus, wo ihr Platz auf dem Friedhof sein wird. Schauerlich, wenn wir auf dem Friedhof unsere Verwandten besuchten und jeweils an der vorbereiteten Nische vorbeikamen …

Natürlich möchte ich es aber bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, dem Reisenden einen Besuch eines Dorffriedhofs zu empfehlen. Nach dem Essen, der Musik und der Landschaft ist es auch der Tod, der einem viel über das Leben erzählt. Auf dem Friedhof sieht man nicht nur die gängigen Namen und Verwandtschaften einer Gemeinschaft, man lernt auch sonst viel über die örtliche Kultur kennen. Die Friedhöfe sind hier kleine Städtchen, betuchtere Familien leisten sich eigene Häuschen (Kapellen), in welche ihre Angehörigen in eigens dafür vorgesehenen Nischen in der Mauer gelegt werden. Die meisten lagen früher im Boden, wo nur kurz an sie erinnert wurde – wenn überhaupt. Die Lösung dazwischen sind Wände, die mehrstöckig Nischen aufweist. – Diese Nischen, etwas beklemmend, wenn man an den Reihen der noch offenen vorbeispaziert, heissen auf Italienisch Loculo. Ein kleiner Ort. Die «Case Popolare für das Jenseits» möchte man sagen. – «Case popolare» sind Wohnungen, welche die Gemeinde für Minderbemittelte zu tieferen Mieten zur Verfügung stellt.

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San Michele wacht auch hier. Im Hof eines Gevierts mit Wänden voller «Loculi» auf dem Friedhof von Pomarico (Foto: M. Mente)

In der Regel auf ewig, aber wer kann das schon bemessen oder überprüfen, kauft man sich seine Nische.[1] Meine Grossmutter hat darauf bestanden, einen Ort rechtzeitig zu definieren, wo sich die Familie zu versammeln hat. Der Sarg wird hineingeschoben und das Loch zugemauert. Später kommt ein Marmordeckel darauf, der mit den wichtigsten Angaben, Dekoration, Blumen versehen wird. Frei nach Augustinus sind die Toten damit nicht abwesend, sondern verstecken sich nur. Und mit ihren Augen voller Licht blicken sie uns Trauernden in unsere Augen voller Trauer; das tun sie hier tatsächlich: Praktisch alle Grabplatten weisen ein hinter Glas montiertes Foto der verstorbenen Person auf.

Immer wieder werde ich von meinen Verwandten ermahnt, ich solle meine Grossmutter besuchen, wenn ich ankomme. Familien, die ihre Ferien in der Heimat verbringen, stehen vor den Grabnischen. Der Vater hebt weinend, wie wenn der Verlust erst gestern wäre, sich erinnernd, dass er zu wenig Zeit mit seiner Mutter verbracht hatte, seine Tochter an, damit sie das Foto ihrer Grossmutter küssen kann.

Hier ruhen sie nun. Scheinbar. Denn wie gesagt, Tote sind hier sehr präsent, werden ständig um Rat gefragt, mischen sich ins Leben ein, erscheinen in Träumen und werden besucht.

Tote und nicht so Tote

Im Übrigen habe ich erkannt, dass längst nicht alle gleich tot sind. Auch hier ein Zitat frei verwendet, diesmal Rilke: «O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.» Jeder hat seinen ganz eigenen Tod. Entsprechend geht es nach dem Übertritt allenfalls weiter:

So sind zum Beispiel die Heiligen ja auch Tote, die zum einen schwer beeinflussbar, zum anderen aber immer präsent sind. In den meisten Fällen feiert man ihren Todestag als den Geburtstag ihrer Heiligkeit. An Prozessionen und früher zu bestimmten Gelegenheiten (wenn es zum Beispiel endlich wieder einmal regnen sollte) werden sie aus den Kirchen geholt, Teile von ihnen ans Tageslicht befördert (Reliquien) und dann aber wieder schleunigst an ihren Platz gebracht. Tote, die als erstaunlich lebendig betrachtet, befragt und immer wieder involviert, bisweilen auch verflucht werden. Bei den Normalsterblichen ist das etwas anders: Wer sein Leben gelebt hat, der geht seinen Weg und kehrt in der Regel nicht zurück – so habe ich das verstanden. Doch da gibt es die frühzeitig Verstorbenen, unnatürlich Verstorbene; da kann Unheil drohen, wenn deren Seelen ständig ihr Unwesen treiben. Wehe, wenn ein Verbrechen, Unrecht oder unerledigte Dinge im Raum stehen.

Antonius und seine Mönchs-Kobolde

Etwas weniger bedrohlich dann verstorbene Kinder, denen man es sogar noch nachsieht, da es ja eben Kinder sind: Sie treiben Schabernack, indem sie Dinge verschwinden lassen oder verschieben und erschrecken einen des Nachts. So setzten sie sich einem auf die Brust und verursachen ein Druckgefühl, das Panik auslöst. Der Albdruck ist auch bei uns bekannt. Alben sind aber Elfen – in unserer Gegend heissen die Kindsgestalten «kleine Mönche»; von solchen Monachicchi sprach auch mein Vater. Im Übrigen sollen die kleinen Wesen einen Schatz hüten; wer es schafft, einem die Zipfelmütze zu klauen, wird zum verborgenen Schatz geführt. – Lukanien ist natürlich voll solcher Schätze; viele Löcher, Höhlen und Ruinen, Geschichten um Hexen und Briganten und eben diese Kobolde bieten sich dafür an.

Vermutlich hat die Christianisierung die kleinen Wesen erst in die braunen Mönchskutten gehüllt. Es gab sie sicher schon früher. Mir kämen die griechischen Satyrn in den Sinn. Warum aber Mönche?

Ich habe erfahren, dass es früher den Brauch gab, der hohen Kindersterblichkeit dahingehend zu begegnen, dass man Kinder dem Heiligen Antonius von Padua anvertraut. Juni ist sein Monat – darum mein Vater entsprechend getauft: Die Kinder trugen 13 Monate ein solches Mönchskleid bis zum Tag des Heiligen.

Eingebettet

Giovanni wird hergerichtet, schön gekleidet. Früher hätte mit ihm das Kinn mit einem schwarzen Band umbunden, die Hände zum Gebet hoch- und zusammengezurrt, damit der Auferstehung aufrecht entgegenblicken konnte. Nun folgt eine Nacht der Wache. Beklemmend und doch faszinierend für jemanden, der sonst in einer Umgebung lebt, wo Tote so schnell wie möglich aus dem Blick verschwinden. Die Füsse zur Türe ausgerichtet, betroffen sitzen die Angehörigen auf Strohstühlen um den offenen Sarg. Ein paar Stühle. Die Uhr ist angehalten worden, Feuer ist zu löschen. Es darf nicht mehr gekocht werden. Die eine oder andere Person murmelt ein Gebet und würde vermutlich am liebsten einen Lamento-Gesang anstimmen. Geredet, geraucht wird am Hauseingang. Die Leute kommen vorbei, kondolieren, schreiten um den Sarg. In einem Dorf erfährt man mit beeindruckender Geschwindigkeit davon, wenn nicht über das Buschtelefon, dann über die noch gleichentags aufgeklebten Plakate – Todesanzeigen in Grossformat sind auf die einschlägigen Mauern geklebt. Glockenklang, sofern das noch praktiziert wird, informierte sodann anlässlich der Messe die anderen, ob es sich um eine Frau, einen Mann, einen Priester oder ein Kind handelte.

Die Zeit schreitet voran. Müde sitzt die Familie um den Sarg, die Trauer wird lethargisch und für einen Moment aushaltbar, da wird die Wunde jäh wieder geweitet: Es kommt der Moment, wo der Sarg verschlossen wird. Die Jacke Margheritas. Bei meiner Grossmutter waren es ihre Lieblingspantoffeln, die nun hineingelegt werden. Die Leute verzweifeln, jetzt bricht ein kurzes Lamento aus. Man erhebt sich und trägt den Sarg hinaus. Dass es jetzt noch einmal dramatisch wird, ist nachvollziehbar. Früher hätte man noch einen Teller zerschlagen, in dem Moment, wo der Sarg die Schwelle überschreitet.

Es folgt die Messe und schliesslich Trauerzug zum Friedhof. Im Übrigen sind die Abläufe in jedem Dorf etwas anders und können sich auch ändern. Seit kurzem marschiert der Priester nach der Messe zum Beispiel nicht mehr zum Friedhof mit. Die öffentliche Kondolenz kann heute schon nach der Messe stattfinden, früher sei sie üblich gewesen, nachdem man vom Friedhof wieder zu Hause angekommen war.

Loslassen und Schicken

Einen nahestehenden und geliebten Menschen begleitet man zwar mit Trauer, aber – ob echt oder gespielt – mit allen Ehren auf seinem letzten und öffentlichen Weg. Mir ist die Erfahrung unvergesslich, wie ein Dorf plötzlich – wie auf ein unbekanntes Signal hin – still werden kann, die ganze Geschäftigkeit schlagartig verstummt, alle entlang der Strasse sich erheben, Kopfbedeckungen abnehmen, wenn der Trauerzug vorbeimarschiert. Die Geschäfte, Fenster, Türen werden sofort geschlossen, die Läden heruntergelassen – Respekt und Furcht, ein diffuses Gemisch und ein Unbehagen, das einen besser das Richtige tun lässt. Man scheint zu spüren, wie die Seele das Dorf verlässt, wehmütig zurückblickt.

Nun gilt es, dass man eine psychologische und emotionale, aber auch hier ganz offensichtlich kulturell notwenige Spannung auflösen muss: Einen – in der Regel – geliebten Menschen will man zwar nicht so schnell verlieren, aber man muss ihn trotzdem nicht nur gehen lassen, sondern nach archaischen Vorstellungen regelrecht wegschicken. Kein warmes Essen mehr zu Hause, das ihn zurücklocken könnte. Gegessen wird nach der Zeremonie bei anderen. So etwas wie einen Leichenschmaus gibt es hier meines Wissens nicht. Nicht etwa, wie man als Unterschied zum nördlichen Brauch immer wieder hört, weil man pietätvoller wäre. Das behauptet zeitweise mein Vater. Der Grund ist klar: Der Tote darf sich nicht eingeladen fühlen. Er soll gehen. Auch darum wurden früher sämtliche Gegenstände, welche dem Verstorbenen den Weg zurückzeigen würden, entsorgt.

Die geschlossenen Läden, nicht nur Pietät also: Der Tod muss raus, er darf sich nicht in den Häusern verfangen. Auch darum geht man vom Friedhof meistens nicht den gleichen Weg wieder zum Haus zurück. Alleine über diese Rituale, Vorschriften und Vorstellungen könnte man Seiten schreiben. Und jedes Dorf hat gemäss Ethnologen jenen Punkt, wo sich die Trauergemeinde vom Sarg verabschiedet und zurück zum Dorf geht, während die restliche Gruppe den Sarg auf den Friedhof bringt. Von dort gibt es kein Zurück mehr. Es wird gemauert.

Nun sind die Zurückgebliebenen wieder allein in ihrem Schmerz. In der individuellen Trauer ist ja, neben dem angesprochenen Mitleid, beides vorhanden: Die Traurigkeit über den Verlust, aber auch das Bewusstwerden der eigenen Vergänglichkeit. Und Letzteres kann zur Furcht werden. «Gesundheit!» – Das Schlechte, der Tod kann jederzeit über einen kommen. Mitleid hat damit auch etwas Vorsorgliches. Kondolieren ist Pflicht.

Omnipräsenter Tod

Der Gedanke des Abwehrzaubers ist mir gekommen, als ich letzten Sommer wieder einmal einen Spaziergang durch den Friedhof von Pomarico gemacht habe und mich an jenem Sonntag zum Schluss am Eingang – für die Lebenden: den Ausgang – auf eine abgewetzte Bank gesetzt und mich mit dem zuständigen Wärter unterhalten habe. Er kennt hier alle und hat mich auch schon zielstrebig zu einzelnen Loculi geführt und auf das Foto gezeigt. Plötzlich kamen Mauerer mit Beton und Kelle daher. Es war eine verstorbene Person zu begraben; Sonntag hin oder her, kein Aufschub. Die Maurer bereiteten alles vor, bevor die Trauergemeinde sich einfindet. Eine Arbeit wie jede andere, aber beim Verlassen des Friedhofs waren sie stiller – und bekreuzigten sich.

Und das Kreuz ist mit dem leidenden Christus ist überall. Dabei waren doch die Bedrohungen des diesseitigen Lebens so viel konkreter – auch dafür war so manches Kraut gewachsen und Priesterinnen zur Stelle. Todeszauber gehört da übrigens ebenso dazu wie die Beeinflussung der Seelen von Verstorbenen, die einen in diesem Leben piesacken.

Ob Himmel, Hölle, Fegefeuer, Zauber, Magie, Hexen und Priester, Untote, Heilige, das Zusammenleben mit dem Tod und den Toten: Vieles liesse sich entdecken und erzählen, doch möchte ich dem doch eher düsteren, wenn auch faszinierenden Thema nicht mehr Raum als den schmalen Loculo verschaffen, verweise gerne auf die zahlreich vorhandene Literatur. Ich möchte noch einmal mit Nachdruck dazu einladen, einen Spaziergang durch einen Friedhof im Süden zu machen und über den eigenen Umgang mit den Aspekten des Lebens nachzudenken.

Ein stückweit lernt man ein «Volk» wie das lukanische auch über ihre stillere Seiten kennen, indem sie als Gedächtnisgemeinschaft vom Tod und dem Erinnern als lebens- und kulturprägende Kräfte ebenso beeinflusst ist wie vom Bewusstsein über das Wertvolle im Hier und Jetzt: «Basta che si sta bene» – Hauptsache, es geht einem (gesundheitlich) gut und frei nach Christus ist dafür Sorge zu tragen, dass man nicht schon als Lebender zu den Toten zählt.

 


Reinschauen: Eindrückliches Beispiel einer gesungenen Totenklage, noch 1978, zu Beginn dieses Dokumentarfilms («Sud e Magia»). Die Witwe beklagt ihren verstorbenen Ehemann und die Tatsache, womit er sie zurückgelassen hat, singt von den Erinnerungen an seinem Grab mit einer sogenannten «Nenia» – einem Klagelied. Das Lied wird synchron übersetzt:


 

Ein Spaziergang über den Friedhof von Pomarico. Ein paar Impressionen. Fotos: Mario Bruno Liccese, Pomarico:

 

 

 

 

 


Buchtipp:

Hauschild, Thomas: Macht und Magie in Italien (siehe Literaturliste).

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

 

[1] Der ehemalige Bibliothekar des Dorfes hat mir die ihm bekannte Usanz mitgeteilt: Theoretisch kauft man so einen Loculo hier für 99 Jahre, was dann als de facto als ewig gilt. In den Familienkapellen ist natürlich keine Beschränkung vorgesehen. In der Erde verbleibt ein Körper nur 10 bis 15 Jahre; die Reste gelangen dann in ein Ossarium. In Pomarico gibt es zudem eine alte Bruderschaft, die sich um die Bestattungsbelange kümmert und mit welcher man gesonderte Regelungen treffen kann. Die Moderne hat aber auch in der Basilicata Einzug gehalten, so dass es auch Urnenbestattungen gibt.

Dazu gehört auch ein weiterer Hinweis: Ich habe gelesen, dass der Friedhof von Pomarico gerade mal gut 200 Jahre alt ist. Ich nehme an, das ist bei anderen Dörfern ganz ähnlich, nachdem man davon abgekommen ist, die Toten in der Nähe von Kirchen, sprich in der Nähe der Dorfgemeinschaft zu begraben. Was wurde aus den alten Riten also in die neuen hinübergerettet? Etwa der Punkt, wo sich der Trauerzug vom Sarg verabschiedet? Etwa die Frage der Grabgestaltung und weitere Fragen mehr?

3 Gedanken zu “Nonnas Pantoffeln – Tod auf Lukanisch

  1. Lieber Michael, wieder einmal herzlichen Dank für den bildhaften Bericht. An Castelmezzano kann ich mich noch gut erinnern. Da hat sich nicht viel verändert, außer dass viele weggezogen sind. Frauen in schwarzen Kleidern gehen durch die steilen Gassen oder sitzen vor ihren Häusern. Etwas „Modernes“ gibt es: von Pietrapertosa kann man mit dem Velo dell’Angelo nach Castelmezzano fliegen.
    Liebe Grüße schickt der Peter

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