Am Anfang war der Fluch

«Tammisiegegoffetammi»! – Es hat mich schon immer fasziniert, was dem Menschen im Affekt über die Lippen kommt. Man meint, den bisweilen durchaus poetischen «seelischen Stuhlgang» kann man nur in der Muttersprache verrichten. Weit gefehlt: «Tammisiegegoffetammi». Mein Vater, Schuhmacher, schlägt sich mit dem Hammer auf den Daumen. Ich muss in solchen Momenten schmunzeln. Für mich ein klarer Hinweis: Er ist angepasster als er zugeben wollen würde. Was er da aber von sich gibt, versteht er wohl bis heute nicht.

Italiener sind Europameister, was das Fluchen angeht, sprachwissenschaftlich bewiesen! Als Süditaliener, genauer: Lukanier, weiss er sehr wohl um die Macht der Kraftausdrücke. Verwünschen, Verfluchen – ein weites Feld in dieser von Zauber, Magie und Heiligen beseelten Landschaft seiner Herkunft und eine Tätigkeit, vor der sich alle fürchten.

Gewürgte Priester

Und wie! Ich erinnere mich, wie der Halterin des hiesigen Bed-and-Breakfast der Bissen im Hals stecken blieb, als sie im unteren Stockwerk den Handwerker fluchen hörte. Sie lief rot an, sprang auf, rannte zum Balkon und schrie über die Brüstung gebückt: «Soll ich dir einen Heiligenkalender bringen, damit du wenigstens in der richtigen Reihenfolge fluchst? … Oh, Gesù!»

Jesus! Als Christi Reiseführer habe ihm (und den Cristiani jenseits des Horizonts) anerboten, die Gegend meiner Wurzeln aus meiner Sicht näherzubringen. Das gegenseitige Kennenlernen natürlich eingeschlossen!

Bei den Italienern geht sowas natürlich am besten durch den Magen. Bei einem Teller Pasta fragt Christus mich willkürlich: «Warum werden hier Priester gewürgt?» – «Wie bitte? – Ah, Du meinst die Pasta mit diesem lustigen Namen.» Gute Frage – strozzapreti kommen zwar ursprünglich nicht aus Süditalien, sind aber auch hier heimisch geworden. Es gibt verschiedene Erklärungen, warum die geschwungene Pastaform diesen Namen, «Priesterwürger», trägt. Alle, die ich gefunden habe, laufen darauf hinaus, dass man die Speise Priestern reicht und sie dabei verwünscht: «Man will, dass sie beim Genuss ersticken».

Aber zum Henker, … man soll doch nicht fluchen und missbräuchliche Rede führen. Natürlich, aber: «Ob Prüde, Religiöse oder anders Gelagerte: Wer flucht, bricht Tabus und Sitten seiner Zeit und Umgebung. Eine zutiefst menschliche Grenz-Erfahrung…»

Fluchen ist menschlich

«A propos, Christus, von dir als Mensch erfahren wir in der Bibel nur wenig direkt. Ich bin überzeugt, wenn Du Mensch warst, dann wiederfuhr auch dir Menschliches. Und tatsächlich, die Bibel lässt Leidenschaften durchblicken: Ich habe dich fluchen gehört! Und das ausgerechnet, als dich nach den wahren Früchten des Paradieses gelüstete – nach Feigen!»

«Haben es nicht auch deine Jünger gehört, wie Markus ausdrücklich schreibt (11,12–25)?», dopple ich nach. «Als Du dich mit deinen Jüngern von Bethanien nach Jerusalem aufmachen wolltest, hungerte dich. Ich habe es vor Augen, wie Du zwischen den Blättern des Feigenbaums nestelst, aber keine Früchte vorfindest. Du ‹sagst› zum Baum: ‹In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen!›» – Christus antwortet mir nicht, nimmt das Brot und schaut zum Himmel.

Das war nicht einfach nur so dahingesagt, arbeitet es in mir weiter. Christus hat kein Feigenblatt vor den Mund genommen. «Maledetto»: Der arme Baum verdorrte schliesslich. Ich bin nicht Theologe und verstehe auch nicht auf den ersten Blick, warum man diese Episode als Strafwunder bezeichnet. Der Baum stand doch nur zur falschen Zeit am falschen Ort und konnte nichts dafür, dass er Christus nicht sättigen konnte, denn schliesslich – so die Bibel – war ja nicht einmal Feigenzeit!

Ich reiche Christus eine Feige zum Dessert. Wie habe ich mich die ganze Zugfahrt lang auf all die frischen, sonnengereiften Köstlichkeiten des süditalienischen Bodens gefreut.

Raus aus dem Tempel!

«Warum hast Du diesen Baum, ausgerechnet diesen Lebensbaum, verflucht?» – Nun bricht Christus das Schweigen. Ich erfahre, ein Wunder sei ein Zeichen, als solches verweist es auf das, was nun folgt. Ich verstehe, dass er wild entschlossen gewesen sein muss, vielleicht nervös und aufgebracht. Tags zuvor wurde er in Jerusalem mit Palmenzweigen empfangen und als König bejubelt. Die Passion kündigt sich an, denke ich mir, da kann man durchaus etwas dünnhäutig sein …

In Jerusalem angekommen folgen wahre Zornesausbrüche. Christus stürmt in den Tempel, schwingt eine Geissel und verjagt Händler und Vieh, stösst Tische um –«Raus mit euch: Das ist das Haus meines Vaters, hier wohnt das Gebet.» So steht‘s geschrieben.

Das Gebet, das Wort – Plötzlich wird mir bewusst, worin das Ungeheuerliche dieser Tat besteht: Christus ist dabei nichts anderes als Reformator! Mal nicht predigend oder wundertätig, nein, als Mensch, der handelt! Wahrlich ungeheuerlich: Er geisselt die Händler, schlägt aber die damals rechtgläubigen Autoritäten. Christus reinigt den Tempel. – Was folgt, ist bekannt.

«Tut, was ich sage, aber nicht das, was ich tue»

Ich stochere in der Pasta und nehme den Faden wieder auf: «Verstehst Du nun, warum man hier unter anderem Priester würgen will? – Viel zu lange taten sie nicht, was sie predigten. Der Volksmund spricht noch heute klare Worte und bezieht sich dabei explizit auf die Priester: «Tut, was ich sage, aber nicht das, was ich tue.» – «Oh, das erinnert mich an meine eigenen Worte über die Pharisäer», wirft Christus ein (Matth 23,3).»

«Ja», füge ich an, «die Menschen hier hatten Sehnsucht und Hunger, sie sehnten sich jahrhundertelang nach Gerechtigkeit. In den Augen vieler hat die Kirche über Jahrhunderte die verhassten gesellschaftlichen Eliten gestützt, war mit ihnen verbandelt; da waren Grossgrundbesitzer, Adlige und später Politiker und ihren Familien, die das zur Erde gebückte Bauernvolk unterdrückten und von Bildung fernhielten.»

«Noch meine Grossmutter konnte nicht lesen, rechnen, schreiben», sinniere ich weiter, «Traditionen waren ihr aber wichtig; woran sonst sollte sie sich orientieren, und zu ihrer Zeit konnte es sich kaum jemand in der einfachen Bevölkerung leisten, unter den strengen Augen von Nachbarschaft und Öffentlichkeit, anders sein zu wollen. Privates Leben war lange Zeit privilegierten Schichten vorbehalten.

Traditionen und Rituale, geprägt von Mühe und Armut dieser rauen Landschaft, haben hier sowieso eine eigene Heiligkeit. Sie halten sich nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch weil sie Teil eines komplexen Kultursystems und bis heute vielen Menschen wichtig sind. Identitätsstiftend sind sie, begleiten und repetieren alles rund ums Leben und Sterben. Die jeweils meist ortstypisch wichtigen Heiligen sind wie die immer noch verbreiteten Magier und Magierinnen Wesen und Menschen, die handeln: Sie sind zuverlässiger als politische Systeme und den Leuten näher als selbst die Kirche, die entsprechende Kulte, Praktiken und Jahreszyklen zwar nicht offiziell anerkennt, aber duldet. Das Heilige zieht hier ganz andere Kreise als wir uns das als Mitteleuropäer gewöhnt sind; das Übernatürliche ist nicht im Jenseits zu finden, sondern begegnet im Diesseits auf Schritt und Tritt. Die ganze Welt hier scheint magisch und bedeutungsvoll. Die Kirche hat sich einiges davon über die Jahrhunderte zu eigen gemacht und darauf ihre Macht begründet. Dabei zeigt sich heute: Sie braucht zu ihrem institutionellen Erhalt die Menschen eher als umgekehrt jene sie:

«Mit Fortschritt, Öffnung zur Welt und gesellschaftlichen Veränderungen ändern sich die Fragen an die Kirche. Natürlich sind Feste willkommene und ersehnte Ablenkungen vom Lebensalltag und nicht zuletzt Orte der Begegnung. Doch was zählt, ist der Gehalt, und hier bleiben für viele Menschen die Antworten aus: Obwohl sich Menschen und Kirche auf Schritt und Tritt in diesen übersichtlichen Gemeinwesen begegnen, distanzieren sie sich zunehmend voneinander.»

«Richtig», entgegnet Christus, «der schöne Feigenbaum hat getäuscht, da waren keine Früchte. Kranke Bäume bringen keine Früchte (Matth 7,15–17). Was nützen ein prächtiger Tempelbau, schöne Gewänder?»

Gläubige und Praktizierende

Ich schnappe mir nun auch eine Frucht und komme in Fahrt: «Zum einen geschieht hier nichts anderes, als bei uns nördlich der Alpen, auch wenn die Kirche hier im Vergleich zu uns noch immer überdurchschnittlich präsent ist. Es gibt zwar viele Gläubige und auch gute Kirchenleute, gesellschaftliches und soziales Engagement. Trotzdem: Seit einiger Zeit fühlt sich eine wachsende Zahl Menschen freier – sie lösen sich von Institutionen, sie fliehen aus den Kirchen, zu Sekten, ins Private oder Leere.»

«Zum anderen höre ich hier immer wieder die etwas verstohlen und rechtfertigend klingende Aussage: Ich bin zwar gläubig, aber nicht praktizierend. Das ist wohl die hiesige Umschreibung der soziologischen Bezeichnung für einen kirchlich Distanzierten. Für Viele scheint mir aber etwas ganz anderes zu gelten: Man kann hier aber auch praktizieren, ohne besonders gläubig zu sein. Das hat ganz handfeste – praktische, wenn du so willst – Gründe. Bedenke, dass die ökonomischen Verhältnisse verbreitet prekär, das Verhältnis der Lukanier zu staatlichen Institutionen schwierig sind. Unter diesen Voraussetzungen sind familiäre Bande, Beziehungen, Sozialkontrolle weiterhin wichtige Grössen im gesellschaftlichen Gefüge. Die Konsequenzen kannst du dir vorstellen. Abseitsstehen kann sich nicht jeder leisten. So trifft man weiterhin die meisten Menschen dann doch wieder zu allen Gelegenheiten des Kirchen- und Heiligenkalenders, an Prozessionen, Patronatsfesten sowie entlang der eigenen biografischen Stationen von der Wiege bis zur Bahre. Im Auto hängt das Heiligenbildchen und ein Kruzifix im Haus (man weiss ja nie…). Pro Familie übernimmt mindestens jemand die Verantwortung für den regelmässigen Besuch der Messe. Kurz: Die Distanzierung geschieht bei den meisten Leuten innerlich. Der Schein täuscht eben, Teilnehmen ist nicht immer auch Teilhaben.

Kraftausdrücke

«Der Tempel leert sich. Nun, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen… So wäre heute», Christus blickt nachdenklich auf die Feige, «etwa wieder eine Tempelreinigung vonnöten? Ein Ausmisten und eine Erinnerung daran, was wirklich wesentlich ist?» – «Echte Reformation ist nie eine einmalige Sache», denke ich laut.

«Übrigens, Christus, nach der Tempelreinigung kommt ihr – so die Version bei Markus – wieder am Feigenbaum vorbei. Man meint in den fragenden Worten der Jünger ihr Mitleid für den unschuldigen Baum zu hören. Doch statt einer Beichte lesen wir, wie Du von der Macht des Glaubens sprichst.» – «Nicht was in den Mund hineingeht, macht den Menschen unrein, sondern was aus dem Mund herauskommt.» – Ganz recht, Porca miseria: «Lass uns noch ein paar Feigen geniessen und später weiterdenken …»

 

Hinweis – 14.1.2019: Der vorliegende Text wurde im Rahmen des Blogprojekts «Terra di Matera: Basilicata – Reisen, Gedanken und Erinnerungen» geschrieben und gilt nunmehr als nicht mehr weiter bearbeiteter oder korrigierter Entwurf für das Buch «Matera, die Basilicata und ich: Ein persönlicher und literarischer Reisebegleiter auf der Suche nach dem mystischen Herzen Süditaliens».
Alle mit diesem Hinweis gekennzeichneten Kapitel wurden für das Buch inhaltlich überarbeitet, mit Ergänzungen versehen und sprachlich korrigiert und erscheinen damit gedruckt in lektorierter Form. Freuen Sie sich auf mehr Lesevergnügen!

 

feigen
Feigen in Pomarico, Foto: M. Mente (3.8.2016)

 

Brooklyn Museum - The Accursed Fig Tree (Le figuier maudit) - James Tissot.jpg
Von James TissotOnline Collection of Brooklyn Museum; Photo: Brooklyn Museum, 2008, 00.159.197_PS2.jpg, Gemeinfrei, Link

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